Die Auswirkungen der Schulreform auf die Inklusion in Hamburg

Im Oktober 2009 wurde durch die Hamburgische Bürgerschaft eine Schulreform beschlossen. Ein Teil der Reform sah vor, statt der bisherigen vierjährigen Grundschule eine sechsjährige Primarschule in HH einzuführen. Seit Jahren schon sprechen sich Bildungsforscher für ein längeres gemeinsames Lernen und gegen das frühe Aussortieren von Kindern aus. Eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre wäre ein wichtiger Schritt für die Chancengleichheit im Hamburger Bildungssystem und damit für Inklusion gewesen.

Doch durch einen Volksentscheid am 18. Juli 2010 wurde die geplante sechsjährige Primarschule aufgehoben. Die vierjährige Grundschule blieb bestehen. Walter Scheuerl schaffte es mit der Initiative „Wir Wollen Lernen“ über 180.000 Unterschriften gegen das verlängerte gemeinsame Lernen zu sammeln. Eltern sollten weiterhin das Recht haben, ihre Kinder so früh wie möglich auf ein Gymnasium zu schicken. Ein weiterer Beweis dafür, dass das Elternwahlrecht für eine umfassende Entwicklung inklusiver Schulstrukturen auch hinderlich sein kann.

Welches waren die Argumente einiger Eltern, die sich der Initiative Wir Wollen Lernen (WWL) damals anschlossen und für den Erhalt der vierjährigen Grundschulzeit kämpften? Während einer Befragung wurden damals folgende Meinungen geäußert:

„Wir sind für ein leistungsorientiertes Schulsystem!“
„Wir sind davon überzeugt, dass gute Schüler nicht von schlechten oder mittleren Schülern profitieren.“
„Dass ein Kind eines Vorstandsvorsitzenden mit einem Arbeiterkind nachmittags miteinander spielt und davon profitiert, mag vielleicht manchmal funktionieren, aber in der Regel wird das nicht der Fall sein.“
„Man muss nicht die sozial Bevorteilten benachteiligen, um die sozial Schwächeren zu bevorteilen.“
„Wir haben in den 1980er Jahren systematisch ein akademisches Proletariat heran gezüchtet, das für die wissenschaftliche Laufbahn und für eine gehobene akademische Laufbahn gar nicht fähig ist.“

Vollkommen absurd erscheint, dass Einige die Initiative WWL und damit die vierjährige Grundschule aufgrund einer besseren Chancengleichheit, Bildungsvielfalt und Freiheit unterstützten. Augenscheinlich geht es bei einer früheren Selektierung nur um erwartete Bildungsvorteile für diejenigen, die am Gymnasium lernen (sollen).

Menschen, die sich als gesellschaftliche Elite empfinden, leiten daraus vor allem Rechte für sich selbst ab, sagte der Elite-Forscher Michael Hartmann in der ARD-Sendung panorama zum Hamburger Schulstreit. Sie hätten das Recht auf höheres Einkommen oder das Recht auf bessere Bildung. Dass tausenden Kindern ihr Lebensweg immens erschwert wird, spielt für sie keine Rolle. In seinem Dossier „Deutsche Eliten: Die wahre Parallelgesellschaft“ beschreibt Hartmann, dass jene Personen häufig ein Charakteristikum eint: die verinnerlichte und akzeptierte Ungleichbehandlung von Menschen. Ulrike Winkelmann forderte 2010 in der Wochenzeitung freitag diese Eliten sogar auf, sich endlich zu integrieren.

Die Eliten anstelle der „Schmuddelkinder und Behinderten“ hätten ein Recht auf bessere Bildung, weil sie es sich hart erarbeitet hätten, so ihre Logik. Ihre eigenen Leistungen werden meist hochstilisiert. Ein Beispiel ist die Aussage des langjährigen Vorstands- und jetzigen Aufsichtsratsvorsitzenden und Erben des Otto-Konzerns Michael Otto in einem Gespräch mit Kevin Costner im „Manager Magazin“ im November 2011. Hierin verglich er seine Karriere mit der des Schauspielers als Selfmademan, der „ein mittelständisches Unternehmen zu einer großen Unternehmensgruppe weiterentwickelt“ habe. Das „mittelständische Unternehmen“, dessen Leitung er 1981 als Vorstandschef übernahm, hatte aber schon Ende der 1970er Jahre einen Umsatz von deutlich über drei Milliarden Euro und mehr als 11.000 Beschäftigte. Damit zählte es zu den 100 größten Konzernen Deutschlands. Michael Ottos Aussage zeigt, wie tief verwurzelt der Glaube an die eigene Leistung als Grundlage des verfügbaren familiären Reichtums ist. Selbst Milliardenvermögen werden als Resultat eigener Leistung begriffen.
Unbestritten verschafft die familiäre Herkunft spürbare Vorteile, das Leistungsprinzip sollte aber unbedingt infrage gestellt werden.

Der Hamburger Volksentscheid zeigte, wie das deutsche Bürgertum mittels Einfluss, Geld und Macht ihre Pfründe verteidigt. Der Bildungsforscher Rösner sagte dazu, sie hätten Angst, dass ihren Kindern durch Konkurrenz aus Aufsteigerfamilien der Weg zu den attraktiven beruflichen Positionen erschwert werde. „Wenn sich mehr um die Fleischtöpfe drängen, ist nicht mehr gesichert, dass der eigene Sohn oder die eigene Tochter satt wird.“ Zuvor (2008) war das Volksbegehren der Initiative „Eine Schule für alle“ in Hamburg gescheitert.

Und auch heute, sechs Jahre später im Februar 2015, droht Scheuerl mit der erneuten Mobilisierung des „Volkes“. Die körperlich behinderten Schüler, so Scheuerl im Abendblatt, könne man auf den Gymnasien gern integrieren, aber nicht die Anderen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Ein Kind mit Down Syndrom z.B. senke doch eindeutig das Niveau der Klasse und bremse den Lernprozess. Viele Beispiele zeigen jedoch, dass das nicht sein muss.

Implizit stellt Scheuerls Antibildungsinitiative die Frage „Was können Kinder von einem Flüchtlingskind oder einem geistig behinderten Kind schon lernen?“
Wie wäre es mit Gerechtigkeitssinn, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude, Weltwissen, Sprachkenntnissen, Perspektivenvielfalt, mit der Anerkennung einer pluralistischen Gesellschaft und dem Respekt gegenüber jedem einzelnen Bürger, mit der Bereitschaft zu Entwicklung und Innovation und damit, Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen? Alles Werte, die im leistungsorientierten Erziehungsverständnis von Scheuerl und Co. keine Rolle spielen. Zum Glück bleibt er der Bürgerschaft in der kommenden Legislaturperiode erspart. Hamburgs Schullandschaft braucht dringend positive Entwicklung und keine erzkonservativen Stänkerer.

Ein wichtiger Schritt zum gemeinsamen Lernen wurde durch Scheuerl und Co. verhindert. Sicherlich wirkt auch noch ihre schmutzige Öffentlichkeitsarbeit nach, die vor fünf Jahren die Hamburger Schulbehörde verunsicherte.

Ein weiterer Rückschlag für die Inklusion in Hamburg war im Rahmen der Schulreform der Beschluss der Abschaffung der Integrationsklassen, mit der ein langjährig erfolgreiches und deutschlandweit gelobtes Modell gekippt wurde. Statt der Integrationsklassen und integrativen Regelklassen sollte flächendeckend Inklusion stattfinden. Dies war nicht genug durchdacht. Die Probleme häuften sich. Man versuchte wieder die Kompetenzen zu bündeln, indem man sogenannte Schwerpunktschulen festlegte. Diese versuchten dann mit viel weniger Ressourcen das anzubieten, was sie damals im Intergrationsklassen-Modell konnten. Zudem gab es in den letzten Jahren auch noch eine falsche Berechnung der Ressourcen für die Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, Sprache und Emotionale Entwicklung, mit denen Hamburger Schulen zusätzlich überfordert waren.

Diese Entwicklungen führten letztendlich dazu, dass immer mehr Eltern von Kindern mit speziellem Förderbedarf wie Sehen, Hören, Geistige oder Motorische Entwicklung und Autismus ihre Kinder aus den Regelschulen raus nahmen und sich bei der Wahl einer weiterführenden Schule für eine Sonderschule entscheiden mussten, weil sich die Lernbedingungen für ihr Kind an Regelschulen verschlechterten. Auch Eltern von Kita-Kindern mit Behinderung wurden verstärkt verunsichert durch diese Entwicklung und entschieden sich deshalb bei der Einschulung gleich für die Sonderschule. Ein sehr trauriger Rückschritt für inklusives Lernen in Hamburg.

Seit 2008 wurden systematisch eine Reihe von Möglichkeiten für die Entwicklung von inklusiven Strukturen in Hamburgs Schulen verschenkt bzw. bewusst verhindert. Kein Wunder, dass die Inklusion derzeit von vielen Beteiligten abgelehnt wird.

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