Behinderung ist kein schweres Schicksal!

Da schickte mir also eine Freundin den link zu einem facebook-Post von Veit Lindau, einem dieser „Lebe bewußter!- Gurus“, die ihre Weisheiten in banalen Lebenssprüchen von sich geben, für die sie tagtäglich über hunderttausend Likes bekommen und deren Bücher in Deutschland weggehen wie warme Semmeln. In diesem Fall teilte Herr Lindau mit allen Facebook-Fans sein Toilettenerlebnis mit einem Vater und seinem behinderten Kind:
„Gerade habe ich auf einer öffentlichen Toilette beobachtet, wie ein Vater seinem ca. 18jährigem gehandicapten Sohn auf eine berührende und zarte Weise half. Ich musste an all die Träume denken, die er als Vater vor der Geburt seines Sohnes wahrscheinlich hatte und die er hingeben musste, weil das Leben es anders wollte. Gerade eben fühle ich einen tiefen und stillen Respekt für all die Menschen da draußen, die ihren in irgendeiner Form gehandicapten Kindern und Angehörigen dienen – jeden Tag. Was ihr an selbstloser Liebe in die Welt bringt ist so, so, so kostbar. Ich verneige mich aufrichtig.“

114000 Likes. Wahnsinn.

Ich antworte meiner Freundin daraufhin:
Liebe […], ich freue mich wenn du ab und zu an mich denkst. Meine Träume die ich vor Anatols Geburt hatte, kann ich aber auch ganz gut MIT ihm verwirklichen. Ich teile auch nicht die Vorstellung, dass man einem behinderten Angehörigen sein Leben lang „dient“. Sicherlich mag das bei schwerst mehrfach behinderten Kindern noch etwas anderes sein als beim Down Syndrom. Das weiß ich nicht. Menschen, die behinderten Angehörigen in Situationen helfen, die sie nicht allein schaffen, sind für mich keine Helden, sondern ganz normale Leute. Eventuell können manche einige Dinge nicht mehr tun oder haben weniger Zeit dazu. Dafür gewinnen sie aber auch ganz viel dazu. Erst durch den behinderten Angehörigen lernen sie häufig sehr nette Leute kennen, neue Aktivitäten auszuprobieren, teilen ihre Zeit manchmal besser ein und leben ab und zu ein bisschen aufmerksamer. Sie setzen sich oft etwas mehr mit bestimmten Themen auseinander und haben deshalb oft einen anderen Umgang mit Behinderung entwickelt: für viele ist Behinderung etwas völlig Normales, also weder Schlimmes noch Großartiges, weder etwas Heldenhaftes noch etwas Minderwertiges. Wenn man sich vor ihnen „aufrichtig verneigt“ kommt das eher wie Mitleid rüber. Lieben Gruß, […]

Erinnert hat mich das auch an die wunderbare TED-Speech von Stella Young, die mit der Glasknochenkrankheit geboren wurde und den Begriff „Inspiration Porn“ bekannt gemacht hat, in der sie sagte „I’m not your inspiration, thank you very much.“.

Hm. Natürlich meinen Mitmenschen, die dieses tiefe Mitleid mit oder diesen Respekt vor Behinderten oder ihren Angehörigen empfinden, es wirklich ernst. Sie wollen einem damit etwas Gutes tun, etwas Nettes sagen, Empathie zeigen, Anteilnahme aussprechen usw. Noch immer weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Denn ich brauche das nicht und finde das ziemlich doof. Weiß aber, dass viele Behinderte oder Angehörige von Behinderten das sehr wohl brauchen. Außerdem brauchen das wahrscheinlich die Leute selbst, die dieses tiefe Mitleid haben, weil sie sich in dieser Form mit diesem Thema erst einmal auseinandersetzen.

Ähnlich unverständlich bleibt mir das folgende vergleichbare und ebenfalls sehr verbreitete Phänomen: am 26. April wird z.B. auf ARD der Beitrag „Sophie findet ihren Weg“ gezeigt. Hier wird das Leben eines 20-jährigen Mädchens mit Down Syndrom vorgestellt. 2006 gab es schon einmal eine Reportage über dieses damals 6jährige Mädchen, die man sich in der Mediathek anschauen kann. Sophies Mutter beschrieb damals ihre Tochter als „göttliches Geschenk“, als Aufgabe, die ihr Gott mit auf den Weg gegeben hat. Bei solchen Äußerungen stehen mir auch immer die Häärchen zu Berge. Es wird hier von einem schweren Schicksal ausgegangen, das einen getroffen hat und das man bewältigt, indem man es als gottgewollte Lebensaufgabe ansieht, die nur „auserwählten, starken Eltern“ auferlegt wird und die letztendlich ihren tiefen Sinn irgendwann haben wird.

Es gibt scheinbar wirklich sehr wenig Behinderte und sehr wenig Angehörige, die diesen Schicksals-Unsinn nicht glauben. Wenige auch, die dieses weit verbreitete, romantische Mitleids-Gedöns ziemlich nervt.

Mich nervt es. Menschen mit Behinderung sind für mich ein ganz normaler Teil der Gesellschaft und nichts Besonderes. Sie wollen nicht gleich behandelt werden wie alle, sondern die gleichen Rechte wie alle. Auch Menschen mit Behinderung oder ihre Angehörigen können Arschlöcher sein. Eine Behinderung ist kein schweres Schicksal. Stattdessen ist eine schwerst mehrfach behindernde Umgebung unerträglich.

*update:

Gerade habe ich erfahren, dass Veit Lindau nun auch noch ein Buch („Zauberbuch“) mit den Bildern der behinderten „Engelein“ plant, die derzeit tausende von Eltern stolz unter seinen facebook-Post als Kommentar hoch laden. Der Erlös des Buches soll gespendet werden, damit man dem Vorzeige-Geschäftsmann nicht vorwerfen kann, er wolle mit dieser „kreativen Idee“ jetzt ordentlich Kohle machen. Macht er trotzdem damit. Und das tatsächlich so unglaublich viele Eltern bereit sind, ihre Kinder als Aushängeschild für eine gute moralische Aktion des verherrlichten Gurus zu missbrauchen, macht mich sprachlos. In einem der wenigen kritischen Kommentare auf facebook heißt es: „Ich kann mir natürlich vorstellen, dass es für die Eltern schön ist und ein Gefühl gesehen zu werden. Aber das was ich sehe ist ein Gewinn-orientierter Typ der versucht, an jeder Straßenecke und auf jedem öffentlichen Klo ’n Euro zu machen.“ Oder auch dieser Kommentar: „Leute, welche mir erzählen wie toll ich was eigentlich total Normales mache, unterstellen mir dadurch, dass mein Leben erstmal grundsätzlich weniger gut wäre als von jemandem ohne Einschränkung und ich das dadurch, dass ich das „alles so toll mache“ erstmal kompensieren müsste. Diese Dreistigkeit nervt mich!“

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