Zwangsbeglückung

Am 21. März wird Anatol 4 Jahre alt. Bei seiner älteren Schwester fing es so ca. mit dem dritten Geburtstag an, dass sie sich etwas zum Geburtstag gewünscht hatte, etwas, was wir ihr nicht so einfach zwischendurch kaufen wie Klamotten, etwas Besonderes. Mittlerweile teilt sie das Jahr in Weihnachten und Geburtstag auf. Sechs Monate lang höre ich von ihr „Das wünsche ich mir zum Geburtstag.“ (sie hat im Sommer Geburtstag), danach weitere 6 Monate „Das wünsche ich mir zu Weihnachten.“ Als sie vier Jahre alt war, hatten wir mal eine Diskussion über Neid. Ich sagte ihr damals, dass Neid nichts Schönes ist, dass es bedeutet, jemand will alles haben, was die Anderen haben. Sie beendete dieses Gespräch mit den Worten: „Ich finde Neid gut.“

Anatol wünscht sich nichts. Ich wage zu behaupten, dass er selbst wenn er schon sprechen könnte, keinen speziellen Wunsch zum Geburtstag oder zu Weihnachten haben würde. Er ist sehr zufrieden und glücklich. Und er lebt nur im Moment und damit noch völlig ohne Sehnsüchte. Wenn mich die Muttis der eingeladenen Kinder fragen, was er sich zum Geburtstag wünscht, dann sage ich immer: Etwas, womit euer eigenes Kind am liebsten spielt. Es fiel mir immer sehr schwer zu sagen, womit Anatol gerne spielt? Denn, er spielt mit allem, was man ihm anbietet. Er begeistert sich ein wenig mehr für Bälle und Autos als seine Schwester, die lieber malt, liest und Musik hört. Aber im Großen und Ganzen ist er total offen.

Anatol wäre überhaupt nicht traurig, wenn er nichts zum Geburtstag geschenkt bekommen würde. Er würde es nicht bemerken, nichts vermissen. Stattdessen würde ein Kuchen, ein Luftballon und ein gemeinsames Spiel ihn ausreichend entzücken. Vielleicht sollten wir an seinem Ehrentag auch tanzen? Er liebt Musik und tanzt unwahrscheinlich gern. „Er kann doch aber nicht Nichts zum Geburtstag bekommen!“, sind Sascha und ich uns einig. „Seine Schwester würde es ungerecht finden, wenn er nichts zum Geburtstag bekommen würde.“ Und wahrscheinlich hätten wir ein schlechtes Gewissen, wenn er an seinem 4. Geburtstag ohne Geschenk da stehen würde. Sicherlich gibt es genügend pädagogisch wertvolles Spielzeug, mit dem er besser sprechen lernen könnte, seine Motorik verfeinern könnte, das seine Sinne anregt. „Aber das wäre dann ein Spielzeug, das Spiel- und Förderung kombiniert und damit einseitig pädagogisch. Damit fühle ich mich nicht gut. Das wäre kein Wunsch von ihm. Er soll nichts bekommen, womit ihm indirekt signalisiert wird, sich schneller oder besser zu entwickeln, das sagt „Du bist nicht o.k. so wie du bist.“, sage ich.

Was wünscht ER sich? Kuchen, Eis, Schokolade. Vermutlich. Deshalb durfte er bisher an Feiertagen immer grenzenlos zuschlagen. Deshalb hatte er sich an seinem dritten Geburtstag, letztes Ostern und an Weihnachten auch übergeben. Also keine gute Idee.

Warum ist es eigentlich so schwer zu akzeptieren, dass ein Mensch wunschlos glücklich ist? Das kann nicht sein. Auf irgendeinen RICHTIGEN Wunsch von ihm werden wir uns bis nächste Woche schon einigen.

24.1_2

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