Das sogenannte Elternwahlrecht

Anatol ist im März sechs Jahre alt geworden und wird im Sommer schulpflichtig. Im November 2017 hatten wir einen Rückstellungsantrag gestellt, weil wir meinen, dass folgende Punkte Anatol und allen Beteiligten den ein Jahr späteren Schulanfang und -besuch wahrscheinlich erheblich erleichtern würden:
– Anzeichen eines selbständigen Toilettengangs
– bessere (Aus-) Sprache
– besseres Regelverständnis und Verständnis der Bedürfnisse von Anderen

Zur Sauberkeit
Anatol ist nach wie vor auf Windeln angewiesen und macht kaum Anzeichen eines eigenständigen Toilettengangs. Wir Eltern wissen nicht genau, ob er den Toilettendrang zuvor noch nicht ausreichend spürt, ob er ihn zu spät spürt, ob er oft zu beschäftigt ist, um auf die Toilette zu gehen oder, ob es ihm unangenehm auf der Toilette ist. Wir gehen davon, dass er in den kommenden 15 Monaten hier Fortschritte machen wird.

Zur Sprachentwicklung
Anatols Wortschatz und Sprechfähigkeit hat sich in den letzten 12 Monaten verbessert. Das bedeutet, dass er in diesem Zeitraum nicht nur einige wenige Zwei- und Dreiwortsätze (z.B. „Geht nicht mehr.“ „Ich bin dran.“ „Weiß ich nicht.“) sowie das Zählen bis drei gelernt hat, sondern auch, dass seine Aussprache etwas klarer und deutlicher geworden ist. Wenn Anatol nicht müde oder unkonzentriert ist, dann versteht er Vieles. Das Sprechen ist aber die größte Baustelle, die unseres Erachtens einen Schuleintritt in diesem Jahr und die Kommunikation mit Mitschülern und Lehrern sehr behindern würde. Wir gehen jedoch auch hier davon aus, dass er in den kommenden 15 Monaten Fortschritte machen wird.

Zum Regelverständnis
Anatol hält sich oft nicht an Regeln (er läuft z.B. immer auf dem Fahrradweg, bewirft oft Autos mit Steinen oder Stöcken, haut oft Passanten beim Vorbeigehen, behauptet vor dem Essen immer er hätte sich die Hände gewaschen, beschuldigt seine Schwester oder andere wenn er etwas kaputt gemacht hat, rupft Blumen ab, tötet Ameisen oder kleine Käfer, schnallt sich im Auto während der Fahrt ab, usw.) Manchmal verstößt er bewusst gegen Regeln oder deutet es nur an, um daraus einen Spaß zu machen, denn er ist auch ein großer Komiker. Lautes und/oder wiederholtes Schimpfen führt meist nicht dazu, dass Anatol ein unerwünschtes oder gefährliches Verhalten unterlässt. Er testet alles und Jeden aus und ist dabei unglaublich kreativ.
Oft hält er sich aber auch nicht an Regeln, weil er sie nicht kennt oder, weil er sie schlicht wieder vergessen hat. Er ist aber immer auf ein harmonisches Miteinander bedacht, will von allen gemocht werden und tröstet jeden der traurig ist. Auch „schimpft“ er mit Anderen, die sich nicht an Regeln halten. Wir gehen davon aus, dass Anatol im kommenden Jahr mehr Regeln verinnerlicht hat und Grenzen besser einhält.

Zum Verständnis der Bedürfnisse von Anderen
Anatol stellt noch seine eigenen und momentanen Bedürfnisse in den Vordergrund. Er muss noch lernen, dass andere Menschen andere Bedürfnisse und Vorlieben haben als er. Vielleicht lernt er in den kommenden Monaten, andere Bedürfnisse besser wahrzunehmen und zu respektieren. Dazu gehört unter anderem auch, dass er seinen eigenen Körper und seine Kräfte wahrnimmt und einschätzen kann.

Bisher (wir haben jetzt Ende Mai) haben wir keine Antwort der Schulbehörde auf unseren Rückstellungsantrag bekommen. Im August würde die erste Klasse schon losgehen, ein Fakt, den wir derzeit noch verdrängen, weil wir uns einen Schulbesuch einfach noch nicht so richtig vorstellen können.

Im Zuge der Rückstellung bzw. der anstehenden Schulpflicht durften wir wieder viele Berichte über unseren Sohn lesen: von der Kita, vom Logopäden, vom Jugendpsychiatrischen Dienst und das sonderpädagogische Gutachten, das ein Sonderpädagoge der nahe gelegenen Schule für Kinder mit dem sogenannten Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erstellt hatte. Berichte über Anatol zu lesen ist immer sehr komisch. Wie all diese Leute unser Kind beschreiben…

Keine einzige Ermutigung, das Kind würde seinen Weg auch in der Inklusion gehen

All diese Leute sagten uns, dass eine Rückstellung für Anatol sehr unwahrscheinlich ist, weil „eine Rückstellung nur dann genehmigt wird, wenn absehbar ist, dass das Kind sich in einem Jahr auf dem Entwicklungsstand eines durchschnittlichen Erstklässlers befindet.“ Selbstverständlich wird er, insbesondere bei den oben genannten Punkten, in einem Jahr nicht dem Entwicklungsstand der anderen Erstklässler entsprechen. Trotzdem wird er sich in einem Jahr weiter entwickeln und nach seinem Tempo Fortschritte machen. Dies scheint keine Rolle zu spielen. All diese Professionellen (die Kita-Erzieherin, der Leiter des Jugendpsychiatrischen Dienstes, der Sonderpädagoge, der die Diagnostik durchgeführt hat,…) haben uns die Sonderschule empfohlen und von der Regelschule abgeraten. Dr. Wistuba vom JPD sagte z.B., dass unser Sohn dann irgendwann weinend auf dem Schulhof stehen würde und wir ihm das doch nicht antun wollen, oder? Die Kita-Erzieherin sagte, dass sie sich eine Regelbeschulung bei Anatol nur vorstellen könne, wenn ihn immer jemand im Auge hätte, denn er sei ständig auf Erkundungstour und macht viel Blödsinn (die Kitaleitung nennt ihn sogar liebevoll den leisen Übeltäter). Der Sonderpädagoge sagte, dass er in der Regelschule nur dabei wäre aber niemand dort die Zeit hätte ihm in Ruhe Lesen und Schreiben beizubringen, dies wäre eher möglich an der speziellen Sonderschule.

Des weiteren sagte der Sonderpädagoge, dass man eine Rückstellung bei diesen Kindern auch deshalb nicht genehmigt, weil man davon überzeugt ist, dass sie in kleinen Schulklassen mit auf deren Bedürfnisse ausgerichtete Sonderpädagogen die Kinder besser fördern könne als in der Kita. Da diese Argumentation nur zutrifft, wenn man in die Sonderschule geht, scheint die Behörde hier eine inklusive Beschulung eines Kindes mit diesem Förderschwerpunkt nicht vorzusehen.

Neben den Professionellen im Schulsystem sind es die Eltern der nichtbehinderten Kinder, die uns verunsichern, indem sie erzählen, sie wollen lieber in die Privatschule, „weil da nicht so viele verhaltensauffällige Kinder sind, die ihr Kind ablenken und negativ beeinflussen“. Oder die Eltern, die wollen, dass ihr Nachwuchs sich am Nachmittag zum Spielen ruhig ab und zu mit unserem behinderten Kind verabredet für die „soziale Kompetenz“, aber gemeinsamer Unterricht muss doch nicht sein.

Dann sind da noch befreundete Eltern von Kindern mit Down Syndrom, die inklusiv beschult werden. Immer wieder erzählen sie, dass die Schulbegleitung ständig krank ist, die Lehrer sich kaum auf das Kind einlassen können, es häufig einfach unbeaufsichtigt den Schulhof verlässt, nicht zur Klassenfahrt mit darf, beim Musikprojekt nicht dabei sein kann, usw…

Sich trotz all dem für das gemeinsame Lernen in der Regelschule zu „entscheiden“, fällt unglaublich schwer. Wenn man nur ganz leise und verunsichert äußert, dass Ausgrenzung nicht sein darf und, dass sie unsere Demokratie gefährdet, wird man oft gleich als Ideologin beschimpft, die ihr Kind opfern will für eine verklärt-romantische Idee von Gemeinschaft Aller in Vielfalt.

Momentan bin ich oft sehr traurig.

Lange ärgerte mich, dass Anatol nun schon in die Schule gezwungen wird. Mittlerweile gehen wir aber davon aus, dass er nicht zurück gestellt wird und wägen schon den Aufwand eines Widerspruchs mit den Nachteilen der früheren Einschulung ab.

Unendlich traurig macht mich aber, dass wir diesen, für ihn von so vielen Anderen vorgesehenen, Sonderstrukturen so dermaßen ausgeliefert sind und, dass wirkliche Alternativen nicht existieren und auch, dass meine Wut und Traurigkeit darüber viel zu oft als Überforderung interpretiert werden. Sie werden zu meinem persönlichen Problem gemacht.

Die stabilen Parallelwelten für Behinderte sind aber das Problem dieser Gesellschaft und die schlecht ausgestattete schulische Inklusion. Sie bewirken, dass wir heute, im Mai 2018, noch immer keine Wahl haben: die nächste Schwerpunktschule (die wir in HH besuchen müssen wenn wir uns für Inklusion „entscheiden“) ist schrecklich, die Spezielle Sonderschule ist schrecklicher.

Schrecklich. Entsetzlich, beängstigend, furchtbar, grässlich, grausam, schaurig.

Was tun?

 

*update 21.06.2018

Wir haben endlich die Rückmeldung von der Behörde, dass Anatol ein Jahr zurück gestellt wird. Er wird nun ein weiteres Jahr die Kita besuchen, worüber wir uns sehr freuen. Die Entscheidung, welche Schule es dann in einem Jahr wird, schieben wir weiter hinaus.

7 comments to this article

  1. Kata

    on 5. Juni 2018 at 11:26 - Antworten

    Hallo Johnny, es gäbe da schon noch Wege. Schreib mir doch mal eine Mail. Dann können wir uns telefonisch unterhalten. Ich arbeite bei einer Beratungsstelle für Inklusion und hätte vielleicht noch ein paar Tipps. LG

    • Petra

      on 9. Juni 2018 at 18:11 - Antworten

      Hey. Darf ich mich Event auch melden ? Ich bin gerade dabei zu überlegen ob meine Tochter von der Förderschule in eine regelschule gehen soll. Aber ich habe so viele abers … würde es aber gerne machen.
      . LG petra

  2. Sarah

    on 5. Juni 2018 at 21:40 - Antworten

    Hallo,
    ich mache momentan sehr ähnliche Erfahrungen. Meine Tochter hat eine Muskelerkrankung, ist beatmungspflichtig, hat erst mit drei Jahren zu sprechen angefangen. Sie macht tolle Fortschritte, in ihrem eigenen Tempo. Die Rückstellung haben wir trotz ordentlich Gegenwind (Gesundheitsamt, Schulamt, Kindergartenleitung) mit Unterstützung der Ärztin vom SPZ nach tausend Telefonaten und Gesprächen durchgekriegt. Die Einschulung in eine Regelschule wird mich sicher noch viel Kraft kosten. Alle Menschen, die uns beraten und dabei eigentlich doch auch die Interessen, Fähigkeiten und Ansprüche des Kindes berücksichtigen sollten, schlagen IMMER als erstes die Förderschule vor. Wenn ich äußere, dass ich mir für meine Tochter eine inklusive Beschulung an einer wohnortnahen Regelschule wünsche, kommen IMMER die gleichen Argumente: die Förderschule ist barrierefrei (das sollte die Regelschule auch sein!). Dort werden Therapien angeboten. WIr können einen Fahrdienst in Anspruch nehmen. Das will ich aber gar nicht! Sie soll einfach wie alle anderen in die Schule gehen und dort lesen, schreiben und rechnen lernen. Mit diesem Wunsch ernte ich leider bei Schulleitern, Schulamt, Sekretärinnen, und anderen Entscheidungsträgern nur Unverständnis. Keinerlei Unterstützung oder neutrale, am Kind orientierte Beratung. Und das nennt sich Wahlrecht?

  3. Maike Dieckmann

    on 9. Juni 2018 at 15:11 - Antworten

    Wie sehr fühle ich mit! Ich habe mich letztes Jahr für das „Förderzentrum“ (Sonderschule…) entschieden. Doch glücklich bin ich und vor allem mein Sohn dort nicht! Gefördert wird er dort mäßig gut, der pädagogische Ansatz ist grausam (Bestrafungs- und BelohnungsSysteme…). Alle für mich pädagogisch infrage kommenden Schulen, die ich mir angeschaut habe, können die Förderung für meinen Sohn nicht leisten. Eine wirklich Wahl haben wir nicht!!
    Aber ich versuche weiter zu machen, damit sich etwas verändert! Ich wünsche euch alles Gute!

  4. Lydiaswelt

    on 10. Juni 2018 at 7:56 - Antworten

    Ich verstehe das nicht. Bei nicht behinderten Kindern entscheidet der Eignungstest über den Zeitpunkt der Einschulung. Das sollte auch für Kinder mit einer Behinderung gelten. Da entscheiden Leute über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben.

  5. Birgit

    on 13. Juni 2018 at 6:26 - Antworten

    Ist es wirklich eine reine „entweder-oder“ Entscheidung?

    (Frage aus Sicht einer Mutter, deren Kinder beide eine Inklusionsklasse mit Kindern mit geistigem Förderbedarf besuchen. Eine dieser Klassen „läuft“ seit 8, die andere seit 6 Jahren.). Alle unsere G-Kinder waren zunächst noch im SBBZ (1-3 Jahre), bevor sie in diese integrativen Klassen wechselten. Der weitere Vorteil neben der persönlichen Entwicklungsreife war halt, dass sie schon allgemein mit dem Kosmos Schule vertraut waren und meist auch schon Schulkameraden kannten.

    Also wäre mein Tipp: Förderschulen einfach mal „vorurteilsfrei“ anzuschauen und zu checken, ob diese nachweislich und konzeptionell den Kindern inklusive Wege ebnen. (Unsere Partnerschule tut das wirklich, auch wenn es keine Aussenklassen sind, und sie die Kinder dann wieder „verlieren“.)

  6. D.

    on 18. Juni 2018 at 9:13 - Antworten

    Bleib stark für dein Kind! Auch unserer Rückstellung war nicht leicht, hat aber schlussendlich geklappt! Setzt euren Elternwille auch hier durch, notfalls mit Widerspruch – warum nicht? Du hast doch gute Argumente! Und das gewonnene Kindergartenjahr war sooo wichtig, obwohl unsere Tochter nun auf eine PRIVATE Förderschule geht. Wir sind mit der Wahl bisher sehr zufrieden. Bitte lass dich nicht von den Behörden verunsichern!!

    Gruß D.

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