Das häßliche Bild vom Down Syndrom

Eine Dame mit dem facebook-Namen „Kleiner Stern“ hat mehrere Mitglieder der Gruppe „Down Syndrom – Elternforum“ beleidigt. Konkret hat sie deren Kinder als häßlich, behindert und noch anderes bezeichnet. Diese Beleidigungen wurden relativ bald von den Administratoren der Gruppe gelöscht. Nur ab und an kann man bei erneuten Trolls, die Fotos von Gruppenmitgliedern negativ kommentieren, lesen, dass es schon wieder einen „Kleinen Stern“ gibt. Die Dame hat sich zum Inbegriff des Bösen entwickelt.

Mich interessierte, wer sie ist bzw. warum sie beleidigt. Ich erfuhr, dass sie schwanger ist. In der Schwangerschaft äußerte ihr Arzt einen Verdacht auf DS bei ihrem Baby. Daraufhin hat sie Kontakt zu dieser facebook-Gruppe aufgenommen, mit mehreren Mitgliedern über ihre Erfahrungen gechatet und letztendlich eben viele von deren Kindern beleidigt.
Am 14. Mai postete sie aber in ihrer eigenen facebook-Timeline ein Foto eines Liebespaares, auf dem einer von beiden DS hat und kommentiert das Foto mit:
„Hier das beste beispiel an alle Leute….!!!!
Das sind auch ganz normale Menschen wie Du und Ich….
Aldo verdammt nochmal lasst endlich eure vorurteile ( wegen dem aussehen ) sein…. Diese Menschen sind was ganz besonderes… und jeder aber auch jeder der gegen so welche Menschen….( Mit Down Syndrom ) Urteilt soll am besten selber so bestraft werden. Diese Menschen habe soviel Lebensfreude wie kein Normaler mensch — 🙁 stocksauer.“
Ob „Kleiner Stern“ ein Kind mit DS bekommen hat oder noch gar nicht geboren hat, weiß ich nicht.

Gestern postete nun ein Gruppenmitglied einen gesamten Chatverlauf mit einer anderen Dame, die ebenfalls momentan in ihrer Schwangerschaft (20. SSW) einen Verdacht auf DS beim Baby bekommen hat. Auch sie suchte Kontakt in der Gruppe. Und auch sie begann in diesem Chat irgendwann zu fragen „Kann man mit denen wirklich ein normales Leben führen?…[…] Die sehen doch aus wie Aliens….[….]“ Nachdem das Gruppenmitglied ihr antwortete, dass die Kinder sehr hübsch sein können und er ihr ein Foto seines Kindes schickte, schrieb sie, dass dieses Kind ja auch so behindert und häßlich aussehe und sie ganz verzweifelt sei. Ganz klar war dieses Gruppenmitglied schockiert über diese Beleidigung wie auch alle Kommentatoren.
Diese Dame wurde genau wie zuvor „Kleiner Stern“ aus der Gruppe geschmissen bzw. geblockt.

Natürlich ist es grausam für Eltern, wenn jemand das eigene Kind häßlich findet. Das gilt wohl für alle Eltern der Welt. Nachdem wir die Diagnose Down Syndrom bekommen hatten, hatte ich auch sofort irgendwelche Bilder im Kopf von Menschen, die für mich (mein damaliges Wissen über geistige Behinderung war einfach Null) „behindert“ aussahen, bei denen die Zunge raus hängt und, die verwirrt mit dem Kopf gegen die Wand schlagen. Als ich dann Bilder von Conny Wenk gesehen habe, änderte sich mein Bild von Kindern mit Down Syndrom sofort. Sie zeigt, wie schön und unterschiedlich die Kinder sind, trotz ihres angeblich so gleichen Phänotyps (mandelförmige Augen, flache kurze Nase, Nackenfalte, tiefer sitzende Ohren, Muskelhypothonie).

Interessant sind für mich hier zwei Punkte: zum einen der Stellenwert von Schönheit und damit dem üblichen Schönheitsideal. Und ja, auch ich freue mich über Fotos, auf denen meine Kinder wie wunderhübsche Werbekids aussehen: gesund, glücklich, hübsche Gesichtszüge, ein bisschen wild und frech, na das Übliche eben. Fotos, auf denen Anatol seine Zunge raushängen lässt, werden sofort gelöscht. Sowas wird ausgeblendet, weil es ist nicht hübsch für mich. Es verweist auf seine Hypothonie und damit weicht es vom Ideal ab. Er kann aber auch „ideal“ wenn er nicht müde ist. Also wird er von mir nur abgelichtet, wenn er munter ist und, wenn die Sonne scheint (wegen des besseren Lichts). Dann kann man auch mal bescheuerte Kommentare hören wie „Das Down Syndrom sieht man ihm aber gar nicht an.“ Solche Kommentare fand ich immer doof, aber trotzdem versuche ich das müde Zungenbild zu vermeiden. Der innere Zwang nach Normal ist wohl zu groß.

Zum anderen finde ich die starke Ablehnung eines „unüblichen“ Aussehens, ja sogar dessen Bezeichnung als „Alien“ interessant. Erstaunlich ist, dass diese Damen so unverblümt ihre Ängste und Vorurteile äußern, obwohl sie es mit einem Gegenüber zu tun haben, der einen solchen „Alien“ zuhause hat. Aber im Internet trauen sich ja viele im Schutz der Anonymität ALLES zu äußern. Der Post von „Kleiner Stern“ auf ihrer Timeline zeigt (ungeachtet der Sinnhaftigkeit einzelner Passagen – aber der Gesamtsinn der Aussage zählt ja 😉 aber auch, dass sie sich sehr wohl mit dem Thema auseinander gesetzt hat und versucht hat, Argumente (bzw. ein Foto!) gegen die Vorurteile ihrer vielen dummen Freunde zu finden. Sicherlich ist der Verdacht oder die Diagnose Down Syndrom in der Schwangerschaft für viele werdende Eltern etwas sehr Unerwartetes. Ich finde es ganz toll, wenn sich werdende Mütter dann an Eltern wenden, die bereits ein DS-Kind haben, mit denen sie über Ängste und Erfahrungen sprechen/schreiben können.

Aber zum „Alien“ und zur „Häßlichkeit“. Ich will mich gar nicht mit den Begriffen beschäftigen, weil es um diese meines Erachtens nicht wirklich geht. Sie beschreiben lediglich Etwas, das komisch/anders aussieht. Und wie mir scheint, spielt für viele werdende Eltern gerade das Aussehen ihres Sprößlings eine wichtige Rolle. Zumindest beziehen sich die Beleidigungen der Damen ja immer auf das Aussehen. Das Visuelle scheint eine ganz besondere Bedeutung zu haben. Ferdinand Fellmann, mein zweitliebster Professor an der TU Chemnitz sagte, dass „Bilder eine magische Dimension besitzen, die sich nicht restlos in intentionales Bewusstsein auflösen lässt“. Er war davon überzeugt, dass die Logik des Bildes eine eigenständige symbolische Form „zwischen Spur und Sprache“ ist und damit wendete er sich gegen das Dogma von der sprachlichen Erschließung der Welt. Und irgendwie musste ich mich daran erinnern, als die Damen die Kinderbilder „häßlich“ fanden. Für die Damen symbolisierten sie wohl etwas zwischen Spur und Sprache, etwas, das für sie ungewiss und fremd ist, aber ihr Bild davon bestätigte. Ich finde das erstaunlich.

Am Anfang nervte mich, dass so viele Eltern der facebook-Gruppe ständig ihre Kinderfotos posten. Stattdessen erwartete ich eher inhaltlichen Austausch. Nun glaube ich, dass Fotos eine wichtige Bedeutung haben, gerade für diese Eltern. Einmal kommentierte eine Mutter das Bild ihres Säuglings mit DS dort damit, dass sie seit der Geburt ihres Kindes nie das Gefühl hatte, ein behindertes Kind zu haben.

Ich bin selbst noch ratlos, worauf ich hinaus will. Ergänzung folgt.

 

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