Eine Woche vor der Einschulung

Liljana (10 Jahre) hat bisher die Grundschule Vizelinstraße besucht und geht nun auf eine weiterführende Schule. Vorgestern, am Donnerstag den 8. August, war ihr erster Schultag in der Bugenhagenschule Alsterdorf in der Schulstufe II [Anmerk.: jahrgangsübergreifendes Lernen 5., 6. und 7. Klasse]. Die Bugi ist eine Grund- und Stadtteilschule und hat einen Schulteil für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Sie ist eine kostenpflichtige Schule der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Sie nennt sich inklusive Schule. Die Bugi ist mit einer Entfernung von 3 km nicht nur die für uns wohnort-näheste Schule, die Liljanas Bruder Anatol (7 Jahre mit Trismoie 21) besuchen dürfte, sondern sie ist nur 300m von meinem Büro entfernt. Wir haben praktisch den gleichen Schul- und Arbeitsweg. Und obwohl die Schule Anatol nur im Schulteil für Kinder mit besonderem Förderbedarf aufnehmen möchte, hatten wir uns aufgrund der Nähe für die Bugi entschieden. Mit der absoluten Trennung des Sonderschulteils vom Rest der Bugenhagenschule sind wir sehr unglücklich. Deshalb sind wir in den vergangenen Wochen/Monaten mehrfach mit den dortigen Leitungen ins Gespräch gegangen. Leider haben wir kein wirkliches Interesse an gemeinsamem Lernen erfahren. Anatol wird nächste Woche, am 16. August entgegen unserer Überzeugung und entgegen unserem deutlichen Inklusionswillen im Sonderschulteil eingeschult werden. Diese Entscheidung bereitet uns schlaflose Nächte.

Freitag, 9. August 2019

J: Liebe L., Lili war jetzt schon zwei Tage in der Bugenhagenschule und wir sind bereits ziemlich genervt. An beiden Tagen wurde sie um 13:00 Uhr nach Hause geschickt, stand plötzlich bei mir im Büro („Schule ist aus. Der Unterricht beginnt ja erst nächste Woche.“) und hatte an beiden Tagen KEIN Mittag gegessen. Keiner kümmert sich darum. Zumindest die Grundabläufe wie Schulzeiten und Mittagessen müssen sie doch erklären. Einen 5-Klässler muss man beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule die ersten 2 Schultage doch etwas mehr an die Hand nehmen.

L: Hallo J., das ist ja ein Mist mit der Bugi! Super ärgerlich 😠! Ich kann dich absolut verstehen, ich würde auch toben. Was macht ihr denn jetzt? Doch das Gymnasium nebenan? Ist es noch möglich?

Samstag, 10. August 2019

J: Gestern hat Lili zwei Elternbriefe mitgebracht. Erster Elternabend für Lili in der Bugi ist am 19.8.. Wollen wir beide hin? Und dann Babysitter besorgen?
Und (ebenfalls von gestern) die Info darüber, dass sie donnerstags auch schon um 13:00 Uhr Schluss haben. Es gäbe aber auch ein kostenloses Betreuungsangebot bis 16 Uhr. Schön, wenn man am Freitag erfährt, dass donnerstags früher Schluss ist. Und so ein Chaos gleich am ersten Tag.

S: Und dann noch das fake-Datum 24.6. auf dem Elternbrief. Und ja, zum Elternabend gehen wir. Auch wenn ich gar keine richtige Lust habe.
Ganz ehrlich, ich bin überzeugt, dass es die falsche Schule für beide Kinder ist.

J: Für Lili wäre das Gymnasium Alstertal ja eine gute Alternative. Für Tolja sind wir am Arsch. Es gibt keine gute Alternative.

S: Irgendwas Besseres gibt es sicher, denn das Zwergenhaus [Anmerk.: die Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf wird in den ersten Jahrgängen so genannt.] ist so ziemlich das Schlechteste was wir finden konnten. Ich weiß, du findest das Kacke, aber es gäbe die inklusive Grundschule Alsterdorfer Str, bei Lattenkamp. Und nachfolgend die ebenfalls inklusive Stadtteilschule Poppenbüttel. Das sind je 20min Fahrt mit Öffis. Auch wenn das keineswegs ideal wäre und eben zwei Schulen statt einer von erster bis zehnter Klasse, es wäre immer noch besser als die Inklusionsverweigerer Bugi. Bei denen ist er völlig parallel. Und sie haben uns und die Kita (und ich bin sicher auch die anderen Eltern) mehrfach belogen.

J: Welche Punkte meinst du bei denen sie uns belogen haben?

S: Sie haben zum Beispiel nach der Hospitation in der Kita gesagt, er hat gute Chancen in der Regelklasse, nur mit den Windeln würde es schwierig sein. Sie wussten, dass das nicht stimmt und mit uns waren sie ähnlich unehrlich.

J: In der Bugi ist es so: wenn Eltern richtig Stress machen, dann kommt das Kind auch mit Behinderung in den Regelschulbereich. Das hatte ich aber nicht gemacht, weil ich weiß, dass die Klassen in der Grundschule dort viel zu groß sind und die Lehrer total überfordert. Er wäre dort nicht wirklich willkommen gewesen. Das wollte ich ihm und uns nicht antun. Deshalb ja zunächst die Entscheidung fürs Zwergenhaus.
Es gibt 3 Alternativen für uns: Grundschule Alsterdorfer Straße, Grundschule am Heidberg und Grundschule Hinsbleek. Auch diese 3 Schulen haben Nachteile: sie sind alle 6 km von uns entfernt, haben große Klassen, wenig Erfahrung mit Kindern mit DS und jeden Morgen und Nachmittag mit Öffis. Auto ist ausgeschlossen, weil es am Lattenkamp keine Parkplätze gibt, für Fahrrad ist es dorthin zu weit für Anatol [zur Bugi schafft er es mit dem Fahrrad].
Und Gymnasium für Lili hat auch Nachteile: sie muss in 8 Jahren Abi machen, nicht in 9 Jahren. Sie wird viel mehr Stress haben, Hausaufgaben, Lernen…
Vorteil der Bugi ist außerdem, dass das Gelände wenig befahren und überschaubar ist. Beide Kinder könnten sich leicht orientieren.
Diese Schulwahl macht mich total fertig. Ich kann schon an nichts anderes mehr denken. Ich weiß auch einfach nicht was gut ist. Die Bugi war eine pragmatische Entscheidung, weil für mich die Vereinbarkeit Arbeit/Schule leichter wäre.

S: Sie ist für uns pragmatisch, aber mehr auch nicht. Die Kinder haben davon nicht viel und wir haben immer ein schlechtes Gewissen und zahlen sinnlos Geld.
Das glaube ich nicht, das mit dem Stress machen. Er ist dort nicht willkommen, Punkt. Und das zeigen sie uns immer wieder, mit jedem Gespräch und jeder Nicht-Reaktion. Im Grunde müsste man das gesamte Kollegium rausschmeißen und mit Leuten besetzen, die inklusive Pädagogik wollen. Die Bugi ist eine maskierte Hinterderlieth [Anmerk.: Die Grundschule Hinter der Lieth hatte damals beim 4 1/2-jährigen Gespräch mit Lili gesagt, dass sie Lili gern nehmen möchten, aber ihren kranken Bruder auf keinen Fall.] .
Bei allen anderen Schulen habe ich per se ein besseres Gefühl.

J: Im Gymnasium Alstertal ist Montag Einschulung für die Fünftklässler, in der Grundschule Alsterdorfer Straße am Dienstag. Ein Wechsel ist so schnell nicht möglich. Wenn es überhaupt möglich ist….😔. Es tut mir so leid den Kindern so ein hin und her zumuten zu müssen. Ich finde das alles so furchtbar.
Ich muss schon den ganzen Tag Heulen wegen der Schulsituation. Gestern auch schon.
Für mich ist es auch deshalb so traurig, weil ich mich einfach mit der Stiftung Alsterdorf recht verbunden und mich hier wohl fühle. Und diese Geschichte reißt das alles ein.

S: Es ist für mich vor allem so ärgerlich, da wir seit Jahren davon ausgingen, diese Schule sei die Richtige und erst jetzt, wo es keine Änderung mehr gibt, zumindest für ein Jahr, damit so viel Ärger bekommen. Das Gymnasium Alstertal wäre für Lili definitiv besser, egal ob acht oder neun Jahre (wiederholt sie eben ein Jahr, auch nicht schlimm) und für Anatol hätten wir auch eine Lösung gefunden.
Das ärgert mich besonders, dass es jetzt nicht mehr geht, zumindest eine Zeit.

J: Es ist meine Schuld. Ich hatte mich mit den Einzelheiten (Ganztagsbetreuung, Kosten, konkretes gemeinsames Lernen) nicht so beschäftigt, weil die Nähe für mich alles übertroffen hat und ich so viel Nervkram einfach nicht erwartet hatte. Es tut mir so leid.
Auch dass mein Chef mir 350 Euro mehr monatlich gibt, um das Schulgeld zahlen zu können. Nur an diese Punkte hatte ich gedacht.

S: Nein ist es nicht. Wir waren beide auch im Zusammenhang Bunte Bande sicher [Anmerk.: Die Bunte Bande ist eine inklusive Wohngemeinschaft. Viele der Kinder gehen auf die Bugi.], dass es die richtige Schule sein würde. Und haben dann eben alles andere ignoriert.

J: Ich glaube auch immer noch nicht, dass sich unsere Kinder an der Bugi unwohl fühlen. ABER der Überbau (Leitung, Organisation, Selbstverständnis) passt nicht so recht.
Ich glaube, sie würden sich trotzdem wohl fühlen. Viele Lehrer sind sehr engagiert und nett.
Die Schule ist klein und überschaubar.
Jeder kennt jeden. Es hat was Familiäres. Das finde ich für unsere Kinder gut.
Gymnasien und Stadtteilschulen haben über tausend Schüler.
Anatol war in vielen Situationen in der Kita überfordert. Und das war eine klitzekleine Gruppe. In einer normalen Grundschulklasse ist er total verloren mit solchen Volkans und Dilaras [Anmerk.: Kinder aus der Grundschulklasse von Lili, die sowohl verbal als auch körperlich sehr heftig zu anderen Kindern waren. Namen geändert.].

S: Um das raus zu finden haben wir ja nun ein bisschen Zeit. Ich befürchte nur sehr, dass Anatol intellektuell unterfordert wird, sowohl die Logopädin als auch Nicole [Anmerk.: Erzieherin der Vorschule in der Kita] haben sehr betont, wie gern er in diesem Jahr gelernt hat, Zahlen, Worte, alles. Ich befürchte das wird er einfach nicht mehr haben.
Unabhängig von der Gruppengröße. Dafür war er eben selbstverständlich dabei und Teil der Gruppe und konnte sich immer Freiräume schaffen. Und hat sich wiederum selbst so gut wie möglich mit eingebracht. Diese Zwergen-Überbehütung wird ihm nicht behagen.

J: Das war möglich, weil in der Vorschule der Kita auf 15 Kinder 3 Pädagogen (Nicole, Andrea und Marc) kamen und, weil in diesem Vorschuljahr viele eher ruhige Kinder waren. Im letzten Vorschuljahr [Anmerk.: Anatol hat 2x hintereinander die Vorschule besucht] hatte er dagegen nur mit den Rabauken gekämpft. In einer normalen Grundschulklasse sind 25 Kinder und eine Lehrerin, 10 Stunden pro Woche bekommt er sogenannte sonderpädagogische Förderung, den Rest der Zeit versucht eine 18jährige FSJ-lerin (die keine Ahnung von nix hat) ihn ruhig im Unterricht zu halten, so dass er nicht stört.
Das ist leider die Inklusionsrealität.

S: Ich weiß.

J: Dabei oder mitten drin ist er da auch nicht.

S: Scheint mir aber dennoch sinnvoller als Exklusion.

J: Was sinnvoller wäre, diese Frage zerreißt mich seit einem Jahr. Ich weiß es einfach nicht.
Ich glaube, dass er auf der Bugi besser und schneller die Grundlagen lernt, also Lesen und Buchstaben und Zahlenverständnis und so. Aber über diese Basics wird es dann nicht hinaus gehen.
Also eventuell doch Start dort und dann Wechsel in den Bugi Regelbereich oder in eine der 3 oben genannten Grundschulen forcieren?
Und Lili soll Ende des Jahres selbst entscheiden, ob sie aufs Gym wechseln möchte?
Verloren ist die Zeit definitiv nicht, durch das jahrgangsübergreifende Lernen bekommt sie auch schon den Stoff der 6. und 7. Klasse mit.

S: Lass uns das beobachten, bis Weihnachten, und dann sehen, ob wir Stress machen wollen oder eine neue Schule für beide suchen.
Wir haben keine andere Wahl im Moment als Start Zwergenhaus. Die Schule will nichts anderes und andere Schulen sind momentan nicht möglich.
Und auch für Lili gilt zu schauen, ob sie sich wohl fühlt.

J: o.k.

S: Ich finde es nur so unfassbar ärgerlich, dass diese Scheiß-Bugi Anatol einfach überhaupt keine Chance gibt, null Interesse daran hat. Die Schulleiterin hat uns das sehr klar gemacht, und das Zwergenteam mag nach außen nett sein, sie sind dennoch reaktionäre Sonderpädagogen.

J: Definitiv.

S: Und da sind mir andere Schulen, die sich wenigstens bemühen wollen, viel lieber.

J: Letztendlich fand ich in der Vizelinstraße [Anmerk.: Grundschule von Lili] richtig Scheiße, dass man sich die Zugehörigkeit durch Cool sein und Überlegenheit auf Kosten einiger Schwächerer (z.B. Marie oder Sandrine) erkaufen musste. Anders war es nicht möglich. Der Ton untereinander war extrem abwertend, ständig wurden Kinder ausgeschlossen. Lili ist cool und selbstbewusst genug dafür gewesen. Anatol wäre das Opfer. Hat Lili mir auch mal so gesagt. Und so ist es an jeder normalen Grundschule. Es herrscht das Recht des Stärkeren und die Lehrer sind dann, wie ja auch Frau y, überfordert [Anmerk.: Frau y war Klassenlehrerin in der Grundschule von Lili].

S: Und das Mittel dagegen ist behütende Exklusion? Oder was willst du damit sagen.

J: Selbstverständlich nicht. Das Mittel dagegen sind kleinere Klassen und mehr Personal. Darauf können wir in den staatlichen Grundschulen noch 20 Jahre warten. Ich erlebe ehrlich gesagt eher den Rückwärtstrend, d.h. dass sie die Inklusion eher zurückfahren wollen, weil es überall nicht funktioniert. An der Bugi könnte es schneller gehen, wenn die zahlenden Eltern das wollen. Das ist meine Hoffnung. Auch beruhigt mich, dass wir Stiftungsrat und Geschäftsführung auf unserer Seite haben. Es dauert dann vielleicht nur 5 Jahre. In dieser Zeit ist mir lieber wenn er sich wohl fühlt und Grundlagen lernt als wenn er täglich wegen seiner Windeln und seiner angeblichen Doofheit geärgert wird.

S: Deutschland ist halt ein scheußlich konservatives Land, das sich auf sich selbst sehr viel einbildet. Inklusion wird kommen müssen, da es die Resolution mit unterzeichnet hat, nur tut jeder alles, um sich möglichst nicht verändern zu müssen und letztlich passiert nichts, auch in 30 Jahren nicht, und auch an der Bugi nicht, weil die nicht bereit sind, wirklich etwas zu ändern und sich für ganz toll halten.
Wobei ich Anatol für widerstandsfähiger halte als du, auch in einem aufgescheuchten Klassenverband.

Abschlussfest in der Kita. Anatol mit seiner Freundin Lara.

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