Inklusion exklusiv

2008 hat die UN-Behindertenrechtskonvention „Inklusion“ als Menschenrecht für Menschen mit Behinderungen erklärt. Inklusion (lat. Enthaltensein) soll bedeuten, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Menschen sollen sich nicht integrieren oder an ihre Umwelt anpassen müssen, sondern die Umwelt sollte von Anfang an so geschaffen sein, dass alle Menschen gleichberechtigt in ihr leben können. Der Begriff „Inklusion“ wurde von Mitgliedern der Behindertenbewegung in den USA in den 70er-Jahren geprägt, die eine volle gesellschaftliche Teilhabe einforderten.

In Deutschland ist Inklusion bislang hauptsächlich im Bereich Schulbildung ein Thema. Nach und nach wird das Modell „inklusive Schule“ eingeführt, in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen sollen. Bisher nimmt Deutschland jedoch immer noch einen hinteren Rang ein in Europa, was die Umsetzung solcher Schulmodelle betrifft.

Die Vorstellung von Inklusion soll nicht sein, dass Menschen „in etwas hinein inkludiert werden“ (so wie das ja bei dem Integrationsmodell war und wie der Begriff fälschlicherweise verstanden werden könnte). Schwerst behinderte Menschen sollen nicht einfach in eine „normale“ Umwelt gepackt werden und dann sehen müssen, wie sie zurechtkommen. Idealerweise sollten die Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen berücksichtigt werden, damit eben auch endlich Menschen mit Behinderungen ganz normal teilhaben können. Inklusion heißt dann, dass sie ausreichend Unterstützung (z.B. Assistenten oder Schulhelfer) bekommen. Einige bezweifeln, dass dieses Gesellschaftsmodell finanzierbar ist. Hier stellt sich grundsätzlich die Frage, inwiefern eine Gesellschaft etwas verändern will und welche Werte und Ziele ihr wichtig sind.

Trotz dieser wirklich tollen Idee einer inklusiven Umwelt, hat der Begriff „Inklusion“ für mich immer noch einen komischen Beigeschmack. Er erinnert mich an einen Satz von Kübra Yücel in dem Artikel Mesut Özil ist deutsch, ich bin es nicht, der im Oktober 2010 nach dem Sarrazin-Skandal in der TAZ erschien: Selbstverständlich ist Wulff auch ihr Bundespräsident. Sie wollen, dass man es ausspricht. […] Er tut es. Und plötzlich wird eine Selbstverständlichkeit so ad absurdum diskutiert.

Im Inklusionsblog der Aktion Mensch stellt sich Raúl Krauthausen die gleichen Fragen wie ich mir: Ist Inklusion nicht dann erfolgreich, wenn man sie nicht mehr benennt? Und führen manche gut gemeinte Inklusions-Aktionen nicht sogar zur Exklusivität?

Heute war ich in der Städtischen Kinderbibliothek, in der eine Fotoausstellung mit Irkutsker Kindern mit Down Syndrom gezeigt wird. Unter den Bildern stand jeweils der Name des Kindes und, was es gerne macht. z.B. sowas wie „Daniil puzzled gerne und ist ein Bücherwurm. Seine Familie erfreut sich jeden Tag an seinem sonnigen Gemüt.“

Im Englischen nennt man so etwas „inspiration porn“. Ein Inspirationsporno, so Stella Young, ist ein Bild, auf dem ein Mensch, meist ein Kind, mit einer Behinderung etwas vollkommen Normales tut, Laufen, Zeichnen, Tennis spielen z.B. und am Bild steht etwas wie „The only disability in life is a bad attitude.“, „Before you quit, try!“ oder ebend: „Trotz ihrer Behinderung lächelt sie oft und strahlt viel Lebensfreude aus“. Letzteres ist übrigens ein Beispielsatz von Leidmedien, der online-Ratgeber über Sprache und Behinderung, wie man nicht über Menschen mit Behinderungen berichten soll. Stella Young meint, diejenige, die diese Fotos oder auch Reklameplakate lesen, können dann meinen: „Also wenn dieser Mensch mit einer solchen Behinderung lachen und sich freuen kann, dann sollte ich mich wirklich nicht so schlecht fühlen. Und hey, es könnte schlimmer sein! Ich könnte selbst betroffen sein!“ Als Stella Young 15 Jahre alt war, wollte ihr eine Person aus der Stadtverwaltung irgendeinen „community achievement award“ verleihen. Für was denn?, fragten ihre Eltern. Sie tue doch nichts anderes als andere Kinder in ihrem Alter. Der Mensch aus der Verwaltung erwiderte „Yes, but she is such an inspiration!“.

Nun glaube ich, dass die Fotos in der Kinderbibliothek vom lokalen Verein für Eltern von Kindern mit DS „Raduga“ zeigen sollen, dass ihre Kinder ganz normale Kinder sind wie alle anderen auch. Die Normalität als Ideal finde ich allerdings ganz schön langweilig. Ich stelle mir gerade vor, dass alle Menschen auf der Welt die Trisomie 21 hätten und ich eine von wenigen Menschen mit 46 Chromosomen wäre. Dann sähe ich mein Bild in einer Ausstellung hängen, unter dem steht „Jenny hat 46 Chromosomen. Sie ist ein ernster Mensch, der sich und seine Umwelt immer unter Kontrolle haben will. Ihr Wesen ist eine Bereicherung für unsere Familie.“ He he.

Neulich schickte mir ein Kumpel ein Video, in dem begleitet von ergreifender Musik ein Hund versucht, mit einem kleinen DS-Jungen zu spielen, der ihn nicht wirklich ran lassen wollte. Zum Schluss wurde der Satz eingeblendet: „God doesn’t make mistakes.“ Was wollte mir der Kumpel damit sagen? Das ist in etwa genauso wie, wenn ich bei irgendwelchen Leuten in den Kinderwagen gucken würde und sagen würde „God doesn’t make mistakes.“. Hoffentlich findet der Vater oder die Mutter das dann auch witzig. Ich glaube allerdings, mein Kumpel hat es bitterernst gemeint.

Zurück zur inklusiven Gesellschaft. Natürlich wurden jahrhundertelang nicht die Bedürfnisse jedes Menschen berücksichtigt. Viele Menschen mit Behinderungen z.B. hatten in der Vergangenheit häufig weder die Möglichkeiten noch die Fähigkeiten, ihre Bedürfnisse kund zu tun. Ich finde es super, dass es jetzt so viele tolle Projekte gibt wie wheelmap oder die Sozialhelden. Menschen mit Behinderungen werden langsam präsenter und lauter und wenn es nach mir ginge, könnten sie ruhig mal noch etwas lauterer werden und nicht immer so vorsichtig sein!

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