Minimal Stories

Im Schwimmbad

Beide Kinder liebten das Schwimmbad. Vor einigen Jahren gingen wir oft zu Dritt ins Schwimmbad Bondenwald. Unser Sohn (mit Trisomie 21) war dabei immer kaum zu halten. Badelatschen, Badehose, Duschen, Toilette, .. alles war für ihn nicht wichtig, denn er wollte immer sofort und sehr schnell ins Becken springen, egal welches, egal wie tief, egal ob er seine Schwimmflügel schon übergezogen hatte oder nicht. Er konnte auch tausendmal und blitzschnell aus dem Becken steigen und vom Rand wieder hinein springen. Hierbei hatte er eine große Ausdauer und unglaublich viel Spaß.

Von der Seite hörte ich manchmal unsere Tochter rufen: „Mama schau mal, ich kann schon eine Vorwärtsrolle im Wasser!“ Ich schaute dann ein paar Sekunden wie sie die Rolle machte, lobte sie überschwänglich und freute mich für sie. Im Augenwinkel sah ich jedoch, wie unser Sohn in ein anderes Becken stürmte und rannte sogleich ihm schnell wieder hinterher.

Irgendwann hatte unsere Tochter keine Lust mehr auf Schwimmen.

Kommunikation

Unser Sohn hat lange Kontakt mit Menschen in einer Form aufgenommen, die diese erboste oder zumindest verunsicherte. Zum Beispiel hatte er eine Zeitlang jedem vorbei laufenden Passanten auf den Po gehauen oder hat sich in Restaurants immer zuanderen Gästen an den Tisch gesetzt und sie bedrängt. Manchmal wollte er unbedingt auf den einzigen besetzten Platz im Bus sitzen und ließ sich partout davon nicht abbringen. Am Strand lief er häufig von Decke zu Decke und tauschte Sonnenmilch, Badetiere oder Handtücher der Urlauber aus. Auf Spielplätzen machte er oft die Burgen anderer Kinder in den Sandkästen kaputt, versteckte die Schaufeln der anderen Kinder im Gebüsch oder drängelte sich auf Klettergerüsten vor. Er war stets kreativ bei der Kontaktaufnahme. Es schien lange so als ob er starke Reaktionen von anderen Menschen ganz besonders interessant findet und nach derartigen Konflikten ganz bewusst suchte. Zuhause war das ähnlich: er klaute zum Beispiel Dinge aus dem Zimmer seiner Schwester, aß ihre Schokolade auf oder machte absichtlich ihre Lieblingsdinge leer oder kaputt. Ich schimpfte dann oft mit beiden Kindern: mit dem Wissen, dass unser Sohn die Verurteilung seines Verhaltens, meine verbalen Erklärungen und aufgezeigten Konsequenzen kognitiv nicht verstehen würde und auf emotionale Reaktionen ja gerade mit wiederholter Provokation reagierte, beschränkte ich mich meist darauf ihn wütend zu nehmen und zur Strafe erst einmal räumlich von uns zu trennen und in seinem Zimmer aufs Bett zu setzen. Meist bekam seine Schwester auch noch was von mir ab, weil sie „ja wisse, dass er so sei“ oder dass er die Konsequenzen nicht einschätzen könne, dass sie etwas besser nicht hätte liegen lassen oder ihm zeigen sollen. Dann appellierte ich oft an ihre Vernunft diese Situation jetzt nicht noch weiter zu eskalieren.

Das Ergebnis vieler Konflikte war meist ein nach einer Minute wieder fröhlich spielender Sohn und eine von seinen Bedürfnissen angestrengte und genervte Schwester. Oft ärgerte ich mich, dass mir als Mutter die Instrumente fehlten, um in diesen sich oft wiederholenden Situationen mit ihm und auch mit seiner Schwester konstruktiv und förderlich umzugehen. Oft war ich einfach nur erschöpft von den vielen Konfliktsituationen in unserem Alltag.

„Unter ihresgleichen“

Mein Herz hat schon immer links außen geschlagen und nach der Geburt unserer Kinder wurde mir noch deutlicher, dass wir in diesem Gesellschafts-, Bildungs- und Wirtschaftssystem keine gute Zukunft für alle werden haben können. Ich suchte damals für unsere Tochter ganz bewusst eine sogenannte Brennpunktschule aus. Genauso wenig wie eine Sonderschule für unseren Sohn, kam für unsere Tochter ein Gymnasium (der Klassenfeind) in Frage. Beide, unsere Tochter und unser Sohn, sollte mitten in der Gesellschaft lernen und nicht in Sondersystemen. Von Zuhause wusste ich, dass das tägliche Aushandeln von Bedürfnissen in der Gemeinschaft herausfordernd ist, trotzdem glaubte ich ganz fest daran, dass es machbar ist, wenn wir es wollen.

Irgendwann mussten wir dann aber doch bei beiden Kindern, entgegen unseren Überzeugungen, eine schmerzliche Entscheidung gegen die Gesamtschule treffen: unsere Tochter machte im ersten Schuljahr nach dem Wechsel von der Grundschule unschöne Mobbing-Erfahrungen, auf die von Seiten der Lehrer nicht reagiert wurde und die nächstgelegene Gesamtschule war zu weit von unserem Wohnort entfernt. Und unseren Sohn wollten sie in der Gemeinschaftsschule von Anfang an nicht aufnehmen. Unsere Tochter wechselte also aufs Gymnasium, unser Sohn wurde in der Sonderschule eingeschult. Beide fühlen sich in ihrem jeweiligen Sonderbereich mittlerweile wohl.

Ich habe dadurch aber eine ganze Menge Glauben an die Menschen, an Gleichheit und Gerechtigkeit verloren. Das hat mich in den letzten Jahren sehr mutlos gemacht.

Eis essen

Vor ca. einem Jahr war ich mit unserem 9-jährigen Sohn auf dem Langenhorner Markt, um ein Eis zu essen. Vor der Eisdiele, mitten in der Fußgängerpassage, gibt es lustige Wasserfontänen, die in unterschiedlichen Höhen wechselnd aus dem Boden schießen. Es war heiß und sonnig, vielleicht 25 Grad an dem Tag.

Als unser Sohn das Eis fertig hatte, zog er sich plötzlich blitzschnell aus und sprang wild, fröhlich und nackt zwischen den Wasserfontänen umher. Ich konnte ihn nicht aufhalten, bat ihn allerdings bitte den Schlüpfer anzulassen, was er nicht tat.

Er hatte riesigen Spaß. Aber ich war in dieser Situation nicht in der Lage mich für ihn und an ihm zu erfreuen. Einige Kinder kicherten, weil er komplett nackt dort umher tänzelte und das – wenn überhaupt – sonst nur ein- oder zweijährige tun. Vielleicht 50 Personen schauten ihm bei seinen Wasserspielen zu, einige Männer lachten, einige Frauen schüttelten mit dem Kopf und sahen mich strafend an. Anatol genoss die Aufmerksamkeit und wurde immer alberner: wackelte mit dem Po und seinem Penis direkt über den Fontänen und lachte sich dabei selbst kaputt.

Ich weiß noch, wie ich mich fragte, ob er mit 15 Jahren auch noch so hemmungslos, wild und nackt hier herum springen wird und wie mich die Leute dann anschauen?

Nach gefühlt fünf Stunden (es waren glaube ca. 30 Minuten) kam er dann zu mir, ich trocknete ihn mit seinem Unterhemd und seinem Schlüpfer ab, zog ihm T-Shirt, Shorts und Sandalen an und wir gingen nach Hause.

Wäre seine damals 12-jährige Schwester an diesem Tag dabei gewesen, sie wäre vor Scham im Erdboden versunken.

Sehnsucht

Viele Jahre nach den Geburten der Kinder fiel es mir schwer meine Mutterrolle zu verlassen. Ich wollte alle Bedürfnisse beider Kinder gleichberechtigt erfüllen: wenn ich zum Beispiel an einem Sonntag viele Stunden mit unserem Sohn auf dem Abenteuerspielplatz im Niendorfer Gehege war und danach unsere Tochter ins Schwimmbad wollte, dann bin ich mit ihr noch ins Schwimmbad – egal wie müde und erschöpft ich war.

Immer wenn Leute dann zu mir sagten, dass ich auch an mich selbst denken muss, habe ich geantwortet, dass ich schon immer am besten entspannen konnte, wenn ich mich auspowere und es mir deshalb total gut gehe, wenn ich abends mit den Kindern k.o. ins Bett falle. Ein Fünkchen Wahrheit war da auch dran. Die Mutterschaft pushte mich ja auch irgendwie.

Wenn dann aber so einmal im Jahr eine Woche die Kinder bei den Großeltern waren, heulte ich die ganze Woche. Jedes Jahr. Nur in dieser einen Woche im Jahr konnte ich intensiv meine eigene Musik hören, in Ruhe lesen, mich treiben lassen, mir keine Gedanken ums Essen machen oder wie ich mit Konflikten umgehe und lange schlafen (bis 8 Uhr oder so). Und jedes Mal nahm ich mir vor, wenn die Kinder wieder da seien, dann leben wir zusammen ein bisschen mehr genau so entspannt weiter, wir hören dann alle auf die Bedürfnisse der anderen in der Familie, wir helfen dann einander alle mehr, sind liebevoller und netter zueinander und schwingen alle ein wenig mehr im gleichen Takt.

Jeder für sich

Wir schwingen mittlerweile sehr ausgeprägt jeder in seinem ganz eigenen Takt. Jedes Kind kennt seine eigenen Bedürfnisse und fordert sie vehement ein. Ich suche weiter nach einem zeitweisen wir.

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