„Meine Freiheit wird von der Verfassung garantiert – Deine hat bis jetzt nicht interessiert!“

Anatol (5) geht mittlerweile schon in die Vorschulgruppe der Kita. Heute früh habe ich die Mutter einer seiner langjährigen Kita-Freundinnen getroffen, die zusammen mit ihrem Lebenspartner für ihre gemeinsame Tochter die Vorschulgruppe in einer nahe gelegenen privaten Schule gewählt hat. Diese Schule nimmt übrigens – genau wie auch die Montessori-Schule Hamburg, die Waldorfschulen und fast alle anderen Privatschulen in Hamburg keine Kinder mit Behinderung auf.  Auf meine Frage, warum sie diese Schule gewählt haben, sagte sie, dass ihre Tochter schnell abgelenkt ist, mit so vielen Rabauken gar nicht klar kommt und ein geschützteres, ruhiges Lernklima mit genügend Aufmerksamkeit benötigt. Ich antwortete etwas forsch, dass sie damit ja dann erfolgreich der Inklusion entgangen sind. Sie ging etwas beleidigt fort.

Eine Stunde später entschuldigte ich mich per SMS bei ihr dafür, dass ich sie so angegangen bin, dass das nicht meine Absicht war und ich mich freue, dass sie mit der Schule so zufrieden sind. Sie antwortete:

Hallo J., danke für deine SMS. Ich kann deinen Unmut durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich es inzwischen aber auch leid, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, dass wir [Name der Tochter] auf diese freie, demokratische Schule gegeben haben. Das geschah schließlich nicht aus einer Laune heraus, sondern nach gründlichem Abwägen ihrer Bedürfnisse und dem Angebot der umliegenden Schulen. Das Thema ist sehr vielschichtig, und bei der Diskussion um Schulformen, Inklusion etc. wird leider oft außer acht gelassen, dass auch scheinbar „fitte“ Kinder z. B. emotional nicht so robust sind und die Schulform auch für diese Kinder passen muss. Auf einer vierzügigen Regelschule mit großen Klassen und weniger Lehrern wäre [Name der Tochter] vermutlich unter gegangen. Das wollten wir nicht – auch wenn wir ihr damit nicht unbedingt Vielfalt vorleben. Das müssen wir dann an anderer Stelle tun. Dir einen schönen Abend. Liebe Grüße, [Name der Mutter]

Ich hatte hier in diesem Blog schon einmal was zur Vielfalt als Last und dem asozialen Bildungsbürgertum geschrieben. Wie sich eine privilegierte Elite – vergleichbar mit dem Auftreten der Neuen Rechten – auch noch als Opfer gebärdet, als zu schützende Minderheit, die sich ihren Status schließlich lang und hart erarbeitet und deshalb ein Recht auf Privilegien habe,  während sie anderen die Teilhabe abspricht, finde ich einfach nur zutiefst egoistisch und a s o z i a l.

Freiheit hat mit Deutschland selbstverständlich was zu tun –
Sofern man wirtschaftlich dazu was beiträgt!
Manche müssen unfrei bleiben. Keiner ist immun
Wenn er den Zug versäumt, der ihn dann freiträgt
Wenn er den Zug nicht sieht und alles komplizieren muss –
Tja, dann wird es Regeln geben, die er respektieren muss!
Dann wird ihm sein Arbeitgeber vielleicht sagen:

Meine Freiheit muss noch lang nicht deine Freiheit sein!
Meine Freiheit: Ja! Deine Freiheit: Nein!
Meine Freiheit wird von der Verfassung garantiert
Deine hat bis jetzt nicht interessiert!

Meine Freiheit heißt, dass ich Geschäfte machen kann
Und deine Freiheit heißt, du kriegst bei mir einen Posten
Und da du meine Waren kaufen musst, stell‘ ich dich bei mir an
Dadurch verursacht deine Freiheit keine Kosten!

Und es bleibt dabei
Dass deine Freiheit immer wieder meine Freiheit ist!
Deine Freiheit bleibt
Meiner einverleibt
Und wenn ich meine Freiheit nicht hab‘
Hast du deine Freiheit nicht
Und meine Freiheit wird dadurch zu deiner Pflicht!
Und darum sag‘ ich dir:

Verteidig meine Freiheit mit der Waffe in der Hand
Und mit der Waffe in den Händen deiner Kinder!
Damit von deinen Kindern keines bei der Arbeit je vergisst
Was Freiheit ist!

Meine Freiheit sei dir immer oberstes Gebot!
Meiner Freiheit bleib treu bis in den Tod!
Wenn dir das vielleicht nicht logisch vorkommt, denk an eines bloß:
Ohne meine Freiheit bist du arbeitslos!

Ja, Freiheit ist was anderes als Zügellosigkeit
Freiheit heißt auch Fleiß
Männlichkeit und Schweiß!
Ich werd‘ dir sagen, was ich heutzutag‘ als freiheitlich empfind:
Die Dinge so zu lassen wie sie sind!

Drum ist in jedem Falle meine Freiheit wichtiger als deine Freiheit je
Meine Freiheit: Yes! Deine Freiheit: Nee!
Meine Freiheit ist schon ein paar hundert Jahre alt –
Deine Freiheit kommt vielleicht schon bald!

Aber vorläufig ist nichts aus deiner Freiheitsambition
Du hast noch keine Macht und keine Organisation!
Ich wär‘ ja dumm, wenn ich auf meine Freiheit dir zulieb‘ verzicht
Darum behalt ich meine Freiheit. Du kriegst deine Freiheit nicht –
Noch nicht!

Georg Kreisler

 

Das Dilemma der Inklusion unter den Fittichen der Sonderpädagogik

Die Inklusion in der allgemeinen Schule wird derzeit wie selbstverständlich an sonderpädagogische Förderung geknüpft, für die spezielle sonderpädagogische Kompetenzen als unverzichtbar gelten, die wiederum an die sonderpädagogische Ausbildung gebunden werden. Über 80 % der derzeit in der allgemeinen Schule beschulten Kinder mit so behaupteten sonderpädagogischem Förderbedarf sind übrigens nicht die klassischen Rollstuhlfahrer oder Kinder mit Trisomie 21, sondern Schülerinnen und Schüler, die auf Grundlage sonderpädagogischer Diagnostik als Behinderte in den Bereichen Lernen, Verhalten und/oder Sprache gelten. Die Zahl der Kinder, die als „behindert“ im Bereich Verhalten eingestuft werden, hat sich seit 1999 sogar mehr als verdoppelt, womit auch die Sonderschullehrerausbildung unter dem Anspruch der Inklusion massiv ausgebaut wurde und weiter wird.
Nach Auffassung der Sonderpädagogik kann Inklusion von Behinderten im deutschen Schulsystem erst dann verwirklicht werden, wenn Sonderschullehrkräfte in allen Schulformen und -stufen der allgemeinen Schule flächendeckend verankert und für die direkte und indirekte sonderpädagogische Förderung aller Kinder zuständig geworden sind.

Ein kurzer Rückblick in die Zeit, in der sich die Heil- bzw. Sonderpädagogik als eigene Disziplin in Abgrenzung zur allgemeinen Pädagogik behauptete, macht deutlich welche Gefahr heute in der „Sonderpädagogisierung“ der Inklusion steckt:

Die Vorstellung der allgemeinen Pädagogik von der Bildsamkeit ALLER Menschen wurde mit der Gründung des Hilfsschulverbandes am 12. April 1898 auf institutioneller Ebene in Frage gestellt. Zu dieser Zeit setzte sich die Auffassung durch, es gäbe Bildungsfähige, Noch-Bildungsfähige und Bildungsunfähige, die institutionell geteilt und unterschiedlich unterrichtet bzw. behandelt werden sollten. Das international einzigartige spezielle Hilfs- bzw. Sonderschulwesen mit seinen „professionellen Zuständigkeiten“ bildete sich in Deutschland heraus. Den Normalen, die als Bildungsfähig galten, wurden die Anormalen gegenüber gestellt, die nur durch Sondererziehung in einer auf ihre spezielle Anomalie zugeschnittenen Schule optimal gefördert werden konnten. Inzwischen ist in der Sonderpädagogik, so Dagmar Hänsel in ihrem Buch „Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus“ statt von Anormalen und Normalen von Behinderten und Nichtbehinderten die Rede. Weiter heißt es bei Hänsel: „Den unter den Bedingungen ihrer Sondererziehung in der Sonderschule als noch bildungsfähig bestimmten Schwachsinnigen…wurden die Blödsinnigen gegenübergestellt, die als Bildungsunfähig behauptet wurden. Die Blödsinnigen gehörten nach dieser bestimmung nicht in eine Sonderschule, sondern in die Idiotenanstalt, in der sie der Pflege und der Dressur, nicht des Unterrichts und der Erziehung bedurften. Während die Schwachsinnigen, allerdings nur unter der Bedingung ihrer Sondererziehung in der Sonderschule, für die Gesellschaft ökonomisch und sozial noch brauchbar gemacht werden konnten, galt das für die Blödsinnigen in den Idiotenanstalten nicht.“

Mit diesem Konzept entwickelte sich ein (Sonder-) Schulsystem im Schulsystem, das seine Schülerschaft aus der allgemeinen Schule negativ rekrutiert(e) und das seitdem eine strikte Trennung von allgemeiner Pädagogik und Sonderpädagogik sowie allgemeiner Lehrerausbildung und sonderpädagagogischer Lehrerausbildung zur Folge hatte. Schließlich war besagter Hilfsschulverband (heute der Verband Sonderpädagogik), der gegen Proteste von Volksschullehrern und Eltern forderte, dass der Eintritt in die Hilfsschule nicht dem Elternwillen überlassen werden dürfe, sondern gesetzlich geregelt werden müsse. Der Sonderschulzwang folgte, der erst vor wenigen Jahren aufgehoben wurde. In ihrem Buch zeigt Hänsel auch die aktive Rolle des Hilfschulverbandes im Nationalsozialismus. Der Verband gab seine ungeteilte Zustimmung zu der rassenhygienischen Politik der Nationalsozialisten und kommunizierte seine Positionen verbandsöffentlich. In Denkschriften der „Reichsfachschaft Sonderschulen“ wurde die besondere Aufgabe und Unentbehrlichkeit der Hilfsschule als „bestes Sammelbecken“ für die wirkungsvolle Umsetzung der Rassenpolitik herausgestellt.

Ab 1922 etablierte der Münchener Hilfschullehrer Rupert Egenberger mit der Gründung der „Gesellschaft für Heilpädagogik“ zusätzlich die Heilpädagogik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Egenberger vertrat die Auffassung, dass ein Fünftel aller Kinder Psychopathen seien, um daraus mit rassenhygienischen Argumenten die Notwendigkeit heilpädagogischer Forschung und Ausbildung abzuleiten. Zur Gruppe der „Degenerierten“ rechnete Egenberger die körperlich, geistig und sittlich Unfähigen, die Schwachsinnigen und geistig Trägen, die Asozialen, Rechtsbrecher, Kriminellen und Hochverräter sowie die Neurotiker und Geisteskranken. Dies sei eine „Lebensfrage für das deutsche Volk“, deshalb seien „Erkennen und Behandeln“ und damit die Einrichtung heilpädagogischer Forschungs- und Ausbildungsstätten erforderlich. Das Erkennen von menschlichen Mängeln und Fehlern, von Abwegigkeiten und Anomalien, sollte ein wesentlicher Grundbaustein der Diagnostik sein.

Zurecht fragt Dr. Brigitte Schuhmann in ihrem Artikel „Neubewertung der sonderpädagogischen Geschichte?“: „Was zeichnet die Sonderpädagogik heute als eigenständige Wissenschaftsdisziplin [eigentlich] aus? Worin besteht ihre sonderpädagogische Kompetenz, die heute für unverzichtbar gehalten wird und die die Politik dazu veranlasst, die Sonderschullehrerbildung massiv auszubauen? Gibt nicht die Sonderpädagogik heute wie die Hilfsschulpädagogik damals vor, die „besonderen“ Kinder mit ihrer Diagnostik trennscharf von den „anderen“ identifizieren zu können, um sich mit ihrer Zuständigkeit für diese Kinder den allgemeinen Pädagogen als Entlastung anzubieten?“

Statt sich zunächst umfassend mit der eigenen Geschichte sowie dem eigenen Verständnis von Pädagogik auseinanderzusetzen, nimmt die Behindertenpädagogik-Branche heute erschreckende, zum Teil profitorientierte, Dimensionen an. Mittlerweile gibt es zahlreiche Heil- und Sonderpädagogen oder auch Therapeuten, die private oder vermeintlich wissenschaftliche Lern- und Förderinstitute gründen, in denen sie mit allen möglichen angeblich kindzentrierten, kreativen, alle Sinne umfassenden und die Neurodiversitätsforschung berücksichtigenden Lerntherapien behaupten, nur so würde das „andersartige“ Kind besser, stressfreier oder richtig lernen (können). Sie alle wollen dem Kind helfen sich besser anpassen zu können, besser teilhaben zu können bzw. eine höhere Zone der Entwicklung erreichen zu können. Sie alle haben spezielle „Programme“ entwickelt mit denen sie genau das erreichen und damit vielen unsicheren Eltern eine oft trügerische Hoffnung auf ein schlaueres, „normaleres“ Kind geben wollen.

Dass die Anerkennung von Neurodiversität und Anderssein die Grundlage dieser pädagogischen „Programme“ sein soll, ist schlicht absurd. Neuere Forschungsergebnisse werden lediglich dazu missbraucht, um (z.B. „für den jeweiligen Neurotyp“) eine noch passendere, effektivere Lernmethode zu entwickeln, um die Kinder einer bestimmten Norm anzupassen oder ihr näher zu bringen. Die gesamte Behindertenpädagogik und was sich daraus bis heute entwickelt hat, bleibt defizit- und damit normorientiert. Und da derzeit die Inklusion fast ausschließlich in den Händen der Sonderpädagogik ist, gibt es kaum Grund zur Hoffnung auf Veränderung. Der einzige, mir derzeit bekannte, pädagogische Ansatz für gemeinsames Lernen aller Kinder, der offen ist und kein fest gelegtes (Entwicklungs-) Ziel für einzelne Kinder vor Augen hat, stammt – und das ist nicht überraschend – von einem Allgemeinpädagogen und nicht von einem (dafür ausgebildeten) Heil- oder Sonderpädagogen.

In dem Song „Lass mich mal machen“ von Sookee und Form heisst es treffend:

„Yeah schön, dass du so gut bescheid weißt, was für mich das Beste ist!
Und mich das auch gleich wissen lässt, doch wenn ich ehrlich bin, stresst es mich.
Und ehrlich bin ich gern, denn eure dummen Sarkasmusspielchen
sind voll die Energieverschwendung, keine Umschweife,
weil ich auch gern real bin.
Du hast auch keinen Vorsprung, du druckst nur Mitgliedsausweise
und meinst Noten verteilen zu müssen, obwohl ich drauf scheiße.
Ich bin hier nicht für dich, doch muss das immer wieder klarstellen.
Dein Edukationismus kann mich am Arsch lecken.
Ich toleriere Fehler nicht nur, sondern feier sie.
Solang man das nicht mit Absicht macht oder löscht, damit es danach keiner sieht.
Ich mach das nicht für den Kanon, um von dir einen Stempel zu bekommen.
Ich hab auch schon alles falsch gemacht, doch am Ende viel Gelände gewonnen.
Denn nur so kann ich mich verbessern, mauer mich nicht ein und lern dazu.
Du siehst, es unterschätzt mich, ich bin Gutmensch somit verletzlich.
Macht aber nix, wähn dich ruhig über mir,
wenn du mich auscheckst.
Ich geb dir Uppercutstyle bis du dumm schaust, Depp“.

 

Quellen:
Hänsel, D. (2014): Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus, Verlag: Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn

Schuhmann, B. (2014): Neubewertung der sonderpädagogischen Geschichte, URL: https://bildungsklick.de/schule/meldung/neubewertung-der-sonderpaedagogischen-geschichte/ [Zugriff: 11.08.2017]

Reich, K. (2014): Inklusive Didaktik, Beltz Verlag, Weinheim und Basel

Urlaub mit einem liebevollen Diktator

Ende Juli waren wir eine Woche auf einem Bauernhof in Teschendorf, im Osten Schleswig Holsteins, nahe Heiligenhafen. Und ohne die Aufmerksamkeitsbesonderheiten Anatols (5) wäre es ein traumhafter und entspannter Urlaub gewesen. So war es wie alle Familienurlaube von uns schön aber auch ziemlich anstrengend. Oft kommt sein Schwesterherz Liljana (8) mit ihren Wünschen und Bedürfnissen zu kurz. Hier ein paar Beispiele:
Bei Autofahrten die länger als 30 Minuten dauern, schnallt sich Anatol permanent ab und turnt dann die ganze restliche Zeit im Auto herum. Anfangs brüllen wir ihn meist total laut und ängstlich an, „wie gefährlich das sei“ und, dass „er sich sofort hin setzen und anschnallen soll“. Dann weint er kurz, setzt sich hin, schnallt sich an und … schnallt sich kurze Zeit später wieder ab und turnt.
Im Bus möchte Anatol meist auf einem von ihm ausgewählten Sitz Platz nehmen. Ist der besetzt, dann wird der Sitzplatzinhaber mit Fingerzeig, bösen Blicken und lautem Nölen von ihm genötigt, den Platz zu räumen. Wird der Platz nicht für Anatol frei gemacht, beginnt er fies zu weinen. Wird der Platz geräumt, dann setzt er sich grinsend über seinen Erfolg hin und nötigt auf die gleiche Weise einige Minuten später einen anderen seiner Sitznachbarn, auf dessen Sitz er es dann abgesehen hat…
Am Strand lässt sich Anatol meist kurz davon begeistern eine Sandburg zu bauen oder Steine und Muscheln zu sammeln. Schnell hat er darauf keine Lust mehr und dann beginnt seine Erkundungstour. Mit nassen sandigen Füßen rennt er über die Decken oder Handtücher der Strandgäste. Nebenbei klaut er von ihnen z.B. Sonnenmilch oder ein Gummitier und haut damit grinsend ab. Nehme ich ihm die Sonnenmilch oder das ergatterte Gut wieder weg um es zurück zu geben, dann beginnt er mich, die Nachbarn und/oder Passanten wütend trotzig zu hauen. Dann kommt der nächste Sonnenanbeter dran…
Im Meereszentrum kann man Fische und andere Meerestiere sehen. Anatol stellt sich z.B. auf die erhöhte Kinderstufe vor dem ersten Aquarium, schaut kurz die Fische an und ist anschließend ausschließlich damit beschäftigt, die Stufe als SEINE Stufe zu verteidigen. Fortan darf kein weiteres Kind diese Stufe betreten. Wer es versucht, der wird forsch mit Fingerzeig auf das nächste Aquarium verwiesen oder mit Schubsen daran gehindert in die Nähe SEINER Stufe zu gelangen. Dann weinen die anderen Kinder, ihre Eltern regen sich über Anatol auf und ich versuche erfolglos ihm zu erklären, dass alle Kinder auf die Stufe dürfen bis ich ihn letztendlich doch zum nächsten Aquarium zerre, wo das gleiche Spiel beginnt… Nach ein oder zwei Aquarien hat er genug davon, beginnt dann durch das gesamte Meereszentrum zu flitzen und haut dabei grinsend allen Leuten beim Vorbeirennen gegen die Beine oder gegen den Po. Zwischendurch klettert er auf die Fels-Attrappen (auf denen „Klettern verboten“ steht) oder hangelt die Fische- und Kraken-Aufsteller aus Pappe herauf. Manchmal huscht er auch durch die Notausgänge oder geht in Türen hinein, die nur für das Personal zugänglich sind. Das riesige Hai-Aquarium und auch die anderen Tiere interessieren ihn eigentlich nicht mehr. Vom tobenden und flüchtigen Entdecken ist er nur noch mit dem Versprechen auf ein Eis im Museums-Kiosk abzubringen.
Anatols Wege sind grundsätzlich seine eigenen Wege. Wenn wir skaten und Laufrad fahren, sich der Weg vor uns teilt und wir alle nach links fahren, dann fährt Anatol nach rechts. Fahren wir nach rechts, dann fährt er nach links. Wenn Sascha und ich uns vorher einigen, uns aufzuteilen, ihn SEINEN Weg wählen lassen und dann einer von uns einfach diesen Weg mit fährt, kann es passieren, dass er sein Laufrad auf den Weg schmeißt und einen dritten Weg nimmt: z.B. freudig geradeaus ins Feld hinein stürmt…
– Anatol liebt Spielplätze. Dort wird meist von ihm SEIN Klettergerät okkupiert. Er stürmt z.B. auf die Rutsche. Oben auf der Rutsche darf kein anderes Kind mehr hoch kommen. Mit dem Finger wird das andere Kind von oben von dem kleinen Zwerg Anatol bedroht. Kommt es doch hoch, wird es noch auf der Leiter stehend mit den Füßen getreten. Auch zur Rutschseite hin wird eisern verteidigt. Kein Kind darf oben sitzen bleiben. Sofort bekommt es von Anatol einen Tritt in den Rücken. Auch diejenigen, die die Rutschseite hoch laufen werden nicht oben auf das Podest gelassen. Denn Anatol ist schließlich der Herr der Rutsche.
– Er liebt auch Tiere. Auf dem Bauernhof gibt es viele Tiere. Mit ihnen wird alles geteilt. Auch Anatol mag das Katzenfutter. Er kann z.B. auch den Katzen oder den Hühnern den halben Tag hinterher laufen in der Hoffnung sie zum Streicheln zu Fassen. Aber sie sind zum Glück meist schneller. Wenn nicht werden sie schon mal mit ordentlichem Bauerngriff von Anatol am Hals gepackt. Er läuft ihnen überall hin hinterher: durch das dichteste Gestrüpp, unter den Ställen hindurch, hinter Schränke in der Scheune, über Tische usw. Dabei klatscht er in die Hände und ruft miau miau miau. Ganz niedlich. Nur die Weinbergschnecken sind in Anatols Nähe in Lebensgefahr.
Im Weizenfeld rennt er gern. Er rennt so schnell, dass keiner ihm folgen kann. Er kann 10 Minuten lachend in eine Richtung rennen, dann 10 Minuten lachend zurück. Dann nochmal. Danach seine Schuhe und Socken ausziehen und nochmal rennen. Dann sein T-Shirt ausziehen und nochmal rennen. Bis auf die Windel alles nach und nach ausziehen und nochmal rennen. Irgendwann ist er sooo k.o., dass er sich auf den Weg setzt, weint und nach Hause getragen werden möchte.
Im Sandkasten spielt Anatol viel und intensiv, z.B. macht er dort Kaffee und Kuchen für alle. Dann geht er rum und verteilt seinen Kaffee. Lehnt ein Erwachsener den frischen Kaffee ab, dann wird Anatol böse. Er fuchtelt dann so lange mit der Tasse (Sand-) Kaffee vor der Nase des Erwachsenen herum bis dieser sie endlich nimmt, so tut als ob er trinkt und den guten Kaffee lobt.
– Anatol ist immer in Bewegung und blitzschnell. Einmal war er schon angezogen und fertig zum Laufrad fahren während ich mir noch eine Minute die Schuhe zu band. Als ich auf sah, war er verschwunden. Ich suchte ihn eine ganze Weile auf dem ganzen Bauernhof. 10 Minuten später fand ich ihn mit seinem Laufrad bei den Getreidesilos. Er hatte gar nicht bemerkt, dass ich nach ihm suchte.
Das waren nur ein paar Beispiele, wie der kleine Diktator uns vom morgendlichen Aufwachen bis zum abendlichen Einschlafen auf Trab hält. Zwischendurch grinst er, gibt uns viele viele Küsschen, umarmt uns zärtlich, kuschelt ausdauernd und hat uns unglaublich lieb. Genau wie wir ihn.

Nur Lili hasst ihn. Sie möchte eigentlich, dass wir schauen, welche neuen Kunststücke sie kann.

Das Relativieren von Grund- und Menschenrechten und die Angst vor dem Verlust von Privilegien

Jedes Jahr am 8. Mai gehe ich zum Alsterdorfer Gedenken an die Opfer der Euthanasie im deutschen Nationalsozialismus. Dort stellen jedes Jahr SchülerInnen der Fachschule für Heilerziehung Lebensgeschichten von Menschen vor, die aufgrund einer psychischen, geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung in den Alsterdorfer Anstalten leben mussten und dann wie weitere 700000 Menschen mit Behinderung in Deutschland Opfer einer systematischen Ermordung „lebensunwerten Lebens“ wurden. Vorauseilender Gehorsam hatte die Ärzte und Schwestern der evangelischen Behindertenanstalt sogar noch vor dem offiziellen Start der Aktion T4 dazu veranlasst, die jüdischen Bewohner für Probevergasungen „zur Verfügung zu stellen“. Bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung trat auch die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano mit ihrer Hip-Hop-Combo Microphone Mafia auf.

Jedes Jahr am 8. Mai heule ich den ganzen Tag, weil er mir nicht nur die Schrecken des Nationalsozialismus vor Augen führt, sondern auch, dass uns unser Sohn mit Trisomie 21 vor 75 Jahren weggenommen worden und umgebracht worden wäre. Jedes Jahr denke ich, dass ich an diesem Tag nicht weinen werde, weil ich mich ja bereits genug damit auseinandergesetzt und genug darüber ausgeheult habe. Aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Dieser Tag ist immer aufs Neue sehr anstrengend aber auch sehr wichtig für mich.

In diesem Jahr begann der 8. Mai damit, dass ich auf Twitter einen link empfohlen bekam, ein Interview mit Renate Lasker-Harpprecht. Auch sie überlebte wie Esther Bejerano den Holocaust nur, weil sie im Orchester in Auschwitz spielte und so der gefürchteten Selektion im Lager entkam. In diesem sehr lesenswerten Interview sagt sie, dass sie nach dem Krieg wenig über das gesprochen hat, was sie in Auschwitz erlebt hat. Auf die Frage warum sie wenig mit Deutschen darüber reden konnte, antwortet sie:

„Die Deutschen tun etwas, was mir auf die Nerven geht: Sie fangen sofort an, von ihrem eigenen schrecklichen Schicksal im Krieg zu erzählen. Wie sie ausgebombt wurden.“

Das Berauben der Menschenwürde, das Ausgrenzen, das Experimentieren am lebendigen Leibe, das Foltern und Quälen, das gezielte Töten von Menschen wurde (und wird) immer wieder relativiert mit dem Hinweis darauf, dass man selbst ja auch sein Hab und Gut verloren hatte oder, dass ja auch das deutsche Volk leiden musste.

Und immer wieder dieses Relativieren

Momentan sind Gauland, Putin, Erdogan und Trump Spezialisten dieser Ja-wir-verstoßen-gegen-die Menschenrechte-aber-was-ihr-tut-ist-viel-schlimmer – Rhetorik. Immer wieder werden Verstöße gegen Menschenrechte mit dem Hinweis auf die selbst erlebte Ungerechtigkeit und Gewalt gerechtfertigt und/oder relativiert. Immer wieder macht es mich sprachlos und traurig.

Auch die Debatte um Inklusion ist zum Großteil davon geprägt. Sobald ein Mensch mit Behinderung das Recht auf Teilhabe und die dafür notwendige Ausstattung fordert, kontern neun andere Menschen, dass ja auch ihre eigenen Lebensbedingungen nicht so gut sind und verbessert werden müssten.

Menschen mit Behinderungen müssen um das Recht auf Teilhabe kämpfen, das andere jeden Tag selbstverständlich genießen dürfen.

Grund- und Menschenrechte sind elementar während die Verbesserung von Bedingungen ein Privileg ist.

Am 8. Mai heule ich jedes Jahr meine Verzweiflung darüber heraus. Die restlichen 364 Tage versuche ich drüber zu stehen, weiter zu leben und zu kämpfen. Für unseren Sohn und all die anderen.

Sonnige Maifeiertage in Mecklenburg

Es sieht ja fast so aus als würden wir ständig Urlaub machen. So oft wie dieses Jahr waren wir tatsächlich lange nicht mehr unterwegs. Dieses Mal mit meiner Freundin Jule und ihrem Sohn Johann. In der wunderbaren Gutsscheune Thorstorf. Mit viel strahlend blauem Himmel. Aber noch zu kalt zum Baden in der Ostsee.

Es waren ruhige und sehr schöne Frühlingstage. Nur am letzten Tag gab es nochmal Aufregung. Zumindest für mich, als Anatol plötzlich abgehauen ist und ich ihn im ganzen Dorf gesucht hatte. Nach ca. 20 Minuten ist er dann aus irgendeiner Hofgarage stolziert und brachte eine alte Luftpumpe mit. Er war ganz entspannt.

 

Geburtstage, Frühlingsstimmung und zwischendrin der Kampf gegen die Beratung in Sondersysteme

Wow, der März ist immer so voll. Erst mein 38. Geburtstag. Dann ist der kleine Professor am 21. März schon fünf Jahre alt geworden. Zwischendurch musste ich mit Dr. Wistuba, dem Leiter des Jugendpsychiatrischen Dienstes im Bezirksamt Eimsbüttel, so sehr streiten, dass ich noch immer überlege, ob ich mich schriftlich und umfangreich über ihn an höherer Stelle beschwere. Anatol und ich waren dort nur, um seinen Kita-Gutschein und die damit verbundene Eingliederungshilfe verlängert zu bekommen. Darum ging es für Dr. Wistuba bei unserem Termin aber gar nicht. Vielmehr versuchte er auf unverschämte und arrogante Weise mich davon zu überzeugen, dass wir Anatol in einem Jahr auf der Sonderschule anmelden und auf keinen Fall im Regelschulsystem. Anatols motorische Stärken seien ja im Vergleich zu seinen erheblichen kognitiven Einschränkungen letztendlich und in der leistungsorientierten Gesellschaft sowieso völlig irrelevant. Wir möchten doch nicht etwa auch, dass unser Sohn dann ständig weinend auf dem Schulhof steht?

Noch immer werde ich ganz wütend wenn ich an dieses Gespräch denke.

Und ansonsten sind wir Stubenhocker endlich wieder mehr draußen, weil Sonne und Wärme und hach Frühling. Endlich.

Ausflug in den Wildpark

Heute waren wir im Wildpark Lüneburger Heide. Von uns sind wir nur etwas mehr als 30 Minuten mit dem Auto gefahren. Es war sehr schön. Das Tollste waren die Schweine im Schafspelz, die Wölfe, die Sibirischen Tiger und die Fischotter. Nur ein einziges Mal sind wir etwas panisch geworden als Anatol blitzschnell durch den Zaun in ein Tiergehege huschte, dort gemütlich umher spazierte, unsere Schreie völlig ignorierte und wir riesige Angst hatten, dass er gebissen wird. Zum Glück ist alles gut gegangen.

Und dann habe ich heute diese großartige Winterrede von Franziska Schutzbach gelesen. Unbedingt lesenswert.

Warum ich mich jetzt von der Mutter-Kind-Kur erholen muss

Verschiedene Infekte hatten mich über den Jahreswechsel flach gelegt, so dass ich sowohl Heiligabend als auch Sylvester 2016 verschlief. Die dreiwöchige Mutter-Kind-Kur in einer Reha-Klinik im Harz im Januar verlief dann auch etwas anders als erwartet, so dass ich mich danach erst einmal vom Kur-Stress erholen musste. Das hing zum einen damit zusammen, dass ich Anatol nicht guten Gewissens in die dortige Kinderbetreuung geben konnte, weil die Erzieherinnen mit ihm ziemlich überfordert waren und deshalb mit ihm ständig schimpften. Und das, obwohl sie mir im Vorfeld telefonisch versicherten „Wir kennen uns mit Kindern mit Trisomie 21 aus. Wir hatten schon öfter Kinder mit einer Behinderung hier.“ Dann hatte ich fast jeden Morgen bei der Übergabe im Kinderhaus ein ungutes Gefühl, das mich quälte. Abends bekam er dann ganz viele Kuscheleinheiten. Zum anderen sollten wir alle Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen, in dem ca. 30 Frauen mit ungefähr 80 Kindern aßen bzw. versuchten alle zu essen. Für uns war es fast unmöglich, weil Anatol dauerhaft um das Buffet herum rannte und immer mal wieder Wurst oder Käse oder anderes herunter riss und auf den Boden feuerte. Auch versteckte er sich unter den Tischen, begrüßte alle anderen Kinder beim Eintreten und war im Grunde so überreizt von dieser Ess-Situation, dass er sich kaum auf die eigene Nahrungsaufnahme konzentrieren konnte. Ab und zu nahm ich etwas mit ins Zimmer, damit er nicht verhungert. Sehr ungünstig für uns war auch noch, dass unsere Zimmertür sich nur mit einem einfachen Drehknauf abschließen ließ. Die Schließung hatte Anatol schon am ersten Tag verstanden und verließ dann ständig das Zimmer, um auf Entdeckungstour zu gehen. Am meisten interessierte er sich für unabgeschlossene Zimmertüren anderer Kurgäste, in deren Zimmer er dann still und leise hinein huschte, um dort Fernbedienungen, Handys und andere technische Geräte auszuprobieren. Einen Großteil der Kur verbrachte ich also damit, ihn zu suchen. Und schließlich kam noch dazu, dass ich täglich ganztags „Programm“ hatte, das mich ziemlich stresste und ich eigentlich nur in Ruhe mal bei einer gemütlichen Tasse Kaffee eine Zeitung oder ein Buch lesen wollte. Das war aber leider nicht möglich. Trotz mehrfacher Überlegungen, habe ich die Kur dann nicht abgebrochen, weil dort im Harz wunderschöner Tiefschnee war und wir quasi täglich am Berg hinter der Kurklinik rodeln gehen konnten – etwas, das wir seit vier Jahren, seit wir aus Sibirien nach Deutschland kamen, so sehr vermissen: einen richtigen Winter. Außerdem hat Liljana dort in den drei Wochen ihr Seepferdchen-Schwimmabzeichen machen können. Sie war super stolz.

Die ersten drei Tage war Sascha mit dabei und wir haben noch zwei tolle Ausflüge gemacht: mit der Seilbahn auf den Wurmberg bei Braunlage und ein Besuch des Silbererzbergwerkes Grube Samson in Sankt Andreasberg. Hier konnte Lili endlich mal sehen, wo man echtes Silber findet. Seit ich ihr im Dezember einen Edelstein-Adventskalender gemacht hatte, interessiert sie sich brennend für Steine, Kristalle und Mineralien.

Ich bin gespannt, was 2017 bringt. Zur Kur fahre ich vorerst nicht nochmal.