Queergeneration

Seit 11. April ist in der Irkutsker Gallerie «Revолюция» die Fotoausstellung „Queergeneration“ von Yana Khankhatova zu sehen. Homosexualität ist in Russland noch immer ein großes Tabuthema, dass die Leute wenn, dann nur im privaten Kreis diskutieren möchten. Zu Sowjetzeiten wurde Homosexualität als Geisteskrankheit und Verbrechen eingestuft, für das man mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft wurde. Erst 1993 wurde Homosexualität entkriminalisiert. Der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche, allen voran des Patriarchs Kyrill, ist seitdem beim Thema Homosexualität nicht zu unterschätzen: „Wir sind gegen die Gleichstellung homosexueller Beziehungen und für natürliche Beziehungen zwischen Männern und Frauen“, sagte er 2009 noch recht vorsichtig und wiederholt dies seitdem immer deutlicher wann immer er Gelegenheit dazu bekommt. In mehreren Regionen Russlands hat sich auf kommunaler Ebene nun das „Gesetz gegen Homosexuellenpropaganda“ (das gleichzeitig gegen Bisexualität und Pädophilie ist) durchgesetzt, das angeblich Kinder und Jugendliche schützen soll. Plakate mit der Aufschrift „Schwul sein ist normal“ werden in diesen Regionen beispielsweise mit Geldstrafen geahndet, genau so wie Kinderpornographie. Die russische amtierende Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa schoss den Vogel ab, indem sie Homosexualität mit einer Krankheit und „schädlichen vermittelten Gewohnheiten“ wie Drogensucht oder Rauchen verglich. Wir waren demnach ganz gespannt, was sich die Künstlerin aus Ulan Ude in „Queergeneration“ wagt, zu zeigen.

„Queer“, so heißt es in der Ausstellung, bedeute soviel wie „fremd“ oder „seltsam“ und wurde hier verwendet für alle nicht der Tradition entsprechenden Verhaltensmuster. Insofern nimmt die Ausstellung weniger Bezug auf Homosexualität, als vielmehr auf eine neue Form der Weiblichkeit, die in Russland bisher kaum so gezeigt wird. Ein Foto stellt z.B. eine Frau in eindeutig sexualisierter Pose dar, auf ihren Ringen steht „Fuck Love“. Ein anderes Bild zeigt eine junge Burjatin mit traditionellem Kopfschmuck und einem, ihre Brüste zum Teil entblößendem, Netzpullover. Ein anderes Bild zeigt eine burschikose Frau mit kurzen Haaren, Brille und Muskelshirt.

Da die meisten russischen Frauen, die ich kennen gelernt habe, traditionelle Frauen- und Männerrollen nicht ablehnen, ihre Weiblichkeit bewusst und gerne für diverse Zwecke einsetzen und Feminismus allgemein bzw. eine gewisse Rollendistanz komplett verweigern, fand ich die Ausstellung ziemlich gut. Auch, wenn sie nicht unsere Erwartungen von „Queer“ erfüllte.

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