{"id":2076,"date":"2020-03-08T17:05:26","date_gmt":"2020-03-08T15:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/johnnyprice.de\/blog\/?p=2076"},"modified":"2020-03-09T10:06:19","modified_gmt":"2020-03-09T08:06:19","slug":"sichtbar-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johnnyprice.de\/blog\/2020\/03\/08\/sichtbar-werden\/","title":{"rendered":"Sichtbar werden"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">Die Hamburgerin K\u00fcbra G\u00fcm\u00fc\u015fay hat Ende Januar ihr gro\u00dfartiges Buch \u201eSprache und Sein\u201c ver\u00f6ffentlicht. Im Klappentext hei\u00dft es, dass das Buch der Sehnsucht nach einer Sprache folgt, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. G\u00fcm\u00fc\u015fay zeigt, wie Menschen als Individuen unsichtbar werden, wenn sie immer als Teil einer Gruppe gesehen werden \u2013 und sich nur als solche \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen. Wie Fragen an sie nur so gestellt werden, dass jede Antwort die Kategorie best\u00e4tigen muss. G\u00fcm\u00fc\u015fay fragt: \u201eWann wird es einer jungen Frau mit Migrationshintergrund, einem homosexuellen Mann, einer Transfrau oder einem Menschen mit Behinderung m\u00f6glich sein, einfach nur sie selbst zu sein? Wann d\u00fcrfen diese Menschen <i>ich<\/i> sagen und damit auch <i>ich<\/i> meinen? Wann werden sie auch so verstanden?\u201c Sie beschreibt junge Schwarze in Deutschland, die sich besonders bem\u00fchen, freundlich und zuvorkommend zu sein, h\u00f6flich zu l\u00e4cheln und akzentfrei Deutsch zu sprechen, um ungef\u00e4hrlich zu wirken. Oder junge kopftuchtragende Frauen, die \u00fcberzogen zuvorkommend, frei und l\u00e4ssig tun, weil sie beweisen wollen, dass sie nicht unterdr\u00fcckt sind, sondern klug und freundlich.<\/p>\n<p class=\"western\">Auch viele Behinderte zeigen sich in Sozialen Medien wie z.B. bei Instagram in besonders sch\u00f6nen, coolen und sportlichen Posen. Menschen, die performen, um als Menschen \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden. Wie anstrengend das ist, wird, so G\u00fcm\u00fc\u015fay, erst im Kontrast erkennbar: in jenen Momenten, in denen sie unter vertrauten Menschen sind und nicht mehr dem Druck der Inspektion ausgesetzt sind: \u201eWenn sie erleichtert ausatmen, die Schutzschilde fallen lassen, wenn ihre Schultern entspannt nach unten fallen, ihre Gesichtsmuskeln sich entspannen und die mittig hoch gezogenen Augenbrauen.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Menschen, die als Individuen unsichtbar werden<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Genau das beobachte ich auch h\u00e4ufig bei Menschen mit Trisomie 21. Die Zuordnung zur Kategorie \u201eDown Syndrom\u201c beginnt gleich nach der Geburt, z.B. bei diversen Therapeuten, die irgendetwas mit dem nur wenige Monate alten Baby tun, weil bestimmte Entwicklungsverz\u00f6gerungen bei Kindern mit Down Syndrom \u00fcblich sind und nicht, weil sie bei diesem speziellen Kind einen individuellen Bedarf sehen. Sp\u00e4testens mit Eintritt in die Schule erfolgt die Zuordnung zur Kategorie \u201egeistig behindert\u201c, womit dann f\u00fcr 10 Jahre das Lernangebot auf ein standartisiertes Minimum reduziert wird (das sich in Hamburg \u201eBildungsplan f\u00fcr den F\u00f6rderschwerpunkt geistige Entwicklung\u201c nennt), unabh\u00e4ngig von individuellen Interessen und F\u00e4higkeiten eines Kindes. Jede Lernverweigerung, jedes Nichtverstehen, alle kommunikativen Schwierigkeiten, jede k\u00f6rperliche Gegenwehr werden fortan mit der Kategorie \u201eweil er geistig behindert ist\u201c begr\u00fcndet und damit jedes Angebot einer individuellen Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung vorenthalten und jede Anstrengung in diese Richtung als sinnlos erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Unsichtbarkeit von Menschen mit Trisomie 21 wird verst\u00e4rkt durch die h\u00e4ufig gegebene Stellvertreterfunktion von uns Eltern. Da die Umgebung meist nur sprachlich oder schriftlich ge\u00e4u\u00dferte Positionen akzeptiert und viele Menschen mit Trisomie 21 gerade mit (Schrift-)Sprache Schwierigkeiten haben, versuchen oft wir Eltern mit unserer Sprache die Rechte unseres Kindes einzufordern, um unser Kind als Mensch mit eigenen Bed\u00fcrfnissen sichtbar zu machen. Die Rolle der Stellvertreter*innen ist fies. Die Unsichtbarkeit unserer Kinder allerdings noch fieser. Denn sie m\u00fcssen oft nicht nur f\u00fcr ihre Menschenrechte k\u00e4mpfen, sondern ihr Lebensrecht verteidigen. In vielen Situationen br\u00e4uchten sie eigentlich ihren ganz pers\u00f6nlichen Rechtsanwalt plus PR-Team.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Mehrheitsgesellschaft fordert eine angepasste Performance, wenn man mitmachen will, egal, ob mit oder ohne Kopftuch, ob behindert oder nicht. Bleibt die geforderte Performance aus, sieht man diese Menschen kaum noch in der \u00d6ffentlichkeit, auf Spielpl\u00e4tzen, in Schwimmb\u00e4dern, in Superm\u00e4rkten, in Unternehmen. Nicht nur sie, auch ihre Familien werden dann unsichtbar. Man will nicht immer angestarrt werden, man will nicht immer erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Rassismus und Sexismus sichtbar machen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">2013 initiierte K\u00fcbra G\u00fcm\u00fc\u015fay zusammen mit Bekannten auf Twitter den Hashtag gegen Alltagsrassismus #SchauHin. Seitdem teilen tausende Menschen w\u00f6chentlich eigene Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland. Betroffene merken, dass sie nicht allein sind, andere sehen, wie viele Menschen Rassismus t\u00e4glich erleben. Nach den sexuellen \u00dcbergriffen in der Silvesternacht 2015\/16 initiierte sie zusammen mit 21 anderen Feministinnen den Hashtag #Ausnahmslos gegen Sexismus und Rassismus.<\/p>\n<p class=\"western\">Im Oktober 2017 verbreitete sich im Zuge des Weinstein-Skandals der Hashtag #meToo. T\u00e4glich twittern seitdem weltweit unter diesem Hashtag tausende Frauen, die sexuelle \u00dcbergriffe von M\u00e4nnern erleben.<\/p>\n<p class=\"western\">Menschen, die in diesem Land geboren sind, fordern die gleichen Rechte wie alle anderen auch. Frauen trauen sich endlich, in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber erlebte sexuelle \u00dcbergriffe zu reden. Das Unsichtbare sichtbar machen.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Behindertenfeindlichkeit sichtbar machen<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">2016 startete der Hashtag #behindernisse. Seitdem teilen viele Menschen ihre t\u00e4glichen behindertenfeindlichen Erlebnisse und schreiben auch \u00fcber Barrieren in Geb\u00e4uden, \u00fcber misslungende Kommunikation mit Krankenkassen, Ausgrenzung in Schulen usw., um deutlich zu machen, wie unglaublich viel in Richtung Barrierenabbau und Bewusstsein f\u00fcr Barrieren noch in allen Lebensbereichen passieren muss.<\/p>\n<p class=\"western\">Erst k\u00fcrzlich haben die Berliner Sozialhelden ein neues Projekt gestartet: das online-Magazin \u201eDie Neue Norm\u201c. Auf der Webseite<a href=\"https:\/\/dieneuenorm.de\/\"> dieneuenorm.de<\/a> beschreiben die Macher das Projekt wie folgt: \u201eDank der Deutschen Industrienorm (DIN) wissen wir, wie gro\u00df ein Blatt Papier ist, welche Steigung eine Rampe vor einem Geb\u00e4ude haben darf und wie wir ein Haus bauen m\u00fcssen, damit es gewisse Standards erf\u00fcllt. Doch Normen haben auch etwas einengendes, auch passen nicht alle Menschen in die Norm, die von der Mehrheitsgesellschaft als solche definiert wird. Wir wollen Normen hinterfragen und aufbrechen. Mit Texten, Beitr\u00e4gen und einem monatlich erscheinenden Podcast.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Neue Norm ist ein Online-Magazin, das verschiedene Fragen und gesellschaftspolitische Mechanismen behandeln und infrage stellen wird. Besonders wollen wir das Thema Behinderung in einen neuen Kontext setzen; raus aus der Charity- und Wohlfahrtsecke, rein in den Mainstream, in die Mitte der Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">ABER Menschen mit Trisomie 21 und ihre Eltern fehlen noch immer weitgehend im gesellschaftspolitischen Diskurs. In der Literatur, in der Kunst, in der Musik, in den Medien, in der Bildung, in der \u00d6ffentlichkeit. Das hat nicht nur pers\u00f6nliche Konsequenzen, sondern gesellschaftspolitische.<\/p>\n<p class=\"western\"><strong>Inklusion hei\u00dft nicht Perfektion und Bequemlichkeit f\u00fcr alle<\/strong><\/p>\n<p class=\"western\">Unsere Familie ist ganz gut sichtbar, meine ich. Wir Eltern sind jeweils sichtbar, unsere Kinder sind sichtbar. Wir haben ein Gesicht in der \u00d6ffentlichkeit und in sozialen Medien. Meist geht es uns ganz gut, manchmal geht es uns Schei\u00dfe. Lange Zeit dachte ich, sichtbar sein reicht als politisches Statement. Aber neulich sagte die zehnj\u00e4hrige Freundin unserer Tochter, dass sie kein Kind mit Trisomie 21 bekommen m\u00f6chte und das Kind wegmachen w\u00fcrde. Auch unsere ehemalige Nachbarin sagte mir w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft vor f\u00fcnf Jahren, dass sie <i>den <\/i>Test gemacht h\u00e4tte und ein Kind mit Trisomie 21 f\u00fcr sie nicht in Frage gekommen w\u00e4re. Ich fragte mich also, ob sichtbar sein ausreicht?<\/p>\n<p class=\"western\">Es reicht nicht aus! 90 % aller Sch\u00fcler*innen mit Trisomie 21 werden j\u00e4hrlich im Lernentwicklungsgespr\u00e4ch zum angeblich gemeinsamen Lernziel \u201esich mehr an die Regeln zu halten\u201c gen\u00f6tigt. Die Regelhierarchien und wer sie aufstellen darf scheinen dabei ganz klar. Wenn Sch\u00fcler*innnen mit Trisomie 21 tats\u00e4chlich die Regeln mitbestimmen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden diese wahrscheinlich lauten: mehr Spa\u00df zulassen, mehr Scherze, mehr Spontanit\u00e4t, mehr Ablenkung, mehr Aus-der-Reihe-tanzen und mehr individuelle Interessen, weniger standartisierte Strukturen, weniger Gleichschritt. In Sonderschulen unm\u00f6glich, in Regelschulen noch unm\u00f6glicher. Der Preis f\u00fcr den \u201eharmonischen\u201c schulischen Gleichschritt ist: eine gleichf\u00f6rmige Welt, eine langweilige Welt. Und vor allem das Unsichtbarwerden von Pers\u00f6nlichkeiten. Das Unsichtbarwerden unserer Kinder mit Trisomie 21.<\/p>\n<p class=\"western\">Was k\u00f6nnen wir Eltern also tun? Vielleicht in erster Linie unsere Kinder ermutigen, nicht immer deren Regeln zu akzeptieren, sondern <i>ich<\/i> sagen zu lernen, eigene Bed\u00fcrfnisse zu kennen und wenn n\u00f6tig lautstark auszudr\u00fccken. Und unseren Kindern erm\u00f6glichen, noch sichtbarer zu werden, so wie sie sind, in Real Life und in Social Media.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hamburgerin K\u00fcbra G\u00fcm\u00fc\u015fay hat Ende Januar ihr gro\u00dfartiges Buch \u201eSprache und Sein\u201c ver\u00f6ffentlicht. Im Klappentext hei\u00dft es, dass das Buch der Sehnsucht nach einer Sprache folgt, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. 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