{"id":594,"date":"2013-12-15T00:46:03","date_gmt":"2013-12-14T22:46:03","guid":{"rendered":"http:\/\/johnnyprice.de\/blog\/?p=594"},"modified":"2014-08-13T22:30:54","modified_gmt":"2014-08-13T20:30:54","slug":"geht-doch-inklusion-erfahren-ein-ausstellungsbesuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johnnyprice.de\/blog\/2013\/12\/15\/geht-doch-inklusion-erfahren-ein-ausstellungsbesuch\/","title":{"rendered":"&#8222;Geht doch! Inklusion erfahren&#8220; &#8211; Ein Ausstellungsbesuch"},"content":{"rendered":"<p>Heute haben wir einen Familienausflug in die Ausstellung &#8222;Geht doch! Inklusion erfahren.&#8220; ins Hamburger Museum gemacht, die ich mir schon lange anschauen wollte. Wenn ich das erste Mal in einem Museum bin, mache ich gern eine F\u00fchrung mit. Ich ging bei dieser Ausstellung davon aus, dass uns ein Mensch mit Trisomie 21 oder mit einer Sehbeeintr\u00e4chtigung oder auch einfach ein K\u00fcnstler, der die Ausstellung mitgestaltet hat, durch die Ausstellung f\u00fchrt. Das war aber nicht so. Die Dame, die uns stattdessen die Ausstellung zeigte, begann ihre F\u00fchrung mit den Worten &#8222;10 Prozent aller Menschen weltweit leiden an einer Behinderung&#8230;&#8220;. Ich h\u00e4tte sie gerne korrigiert, dass nicht alle LEIDEN w\u00fcrden, aber sie war so im Redefluss, dass ich sie nicht unterbrechen wollte. Da die Ausstellung anl\u00e4sslich des 150j\u00e4hrigen Bestehens der Stiftung Alsterdorf erdacht wurde, beginnt sie mit einem recht kurzen Blick in die meist gruselige Alstersdorfgeschichte, die man zum Teil auch <a href=\"http:\/\/www.alsterdorf.de\/ueber-uns\/geschichte.html\">hier<\/a> nachlesen kann. Also nur ganz kurz: 1860 gr\u00fcndete der Theologe Heinrich Sengelmann die &#8222;Alsterdorfer Anstalten&#8220;. Sengelmann wollte hier &#8222;geistig behinderte&#8220; Menschen beschulen und sie in Werkst\u00e4tten, G\u00e4rtnereien und in der Landwirtschaft besch\u00e4ftigen. 1899 lebten mehr als 600 Menschen in den Anstalten. 15 Jahre sp\u00e4ter, mit beginn des I. Weltkrieges, wurde der Unterricht eingestellt, weil f\u00fcr den Nachfolger Sengelmanns P\u00e4dagogik keine Priorit\u00e4t mehr hatte. Nun wurde auf Forschung und medizinische Behandlungs- und Heilmethoden gesetzt. 1920 erscheint ja von Karl Binding und Alfred Hoche der Leseband &#8222;Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens&#8220;. Die schwierigen 20er Jahre erwiesen sich als geeigneter N\u00e4hrboden f\u00fcr diese radikalen Thesen und so wird in diesem Sinne die Stiftung Alsterdorf einige Jahre sp\u00e4ter zum &#8222;Spezialkrankenhaus f\u00fcr alle Arten geistiger Defektzust\u00e4nde&#8220; erkl\u00e4rt. Auf der Webseite der Stiftung hei\u00dft es dazu: <em>Der damalige Oberarzt Dr. Gerhard Kreyenberg entwickelte ein umfassendes Modernisierungskonzept im Sinne des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts. R\u00f6ntgentiefbestrahlungen, Insulin- und Cardiazol-Schockbehandlungen, Dauerb\u00e4der, Schlaf- und Fieberkuren sollten geistig behinderten Menschen Heilung und Linderung bringen. <\/em>Ab 1933 werden im &#8222;Spezialkrankenhaus&#8220; Massensterilisationen durchgef\u00fchrt. Die Anstalten bekommen mehrere Auszeichnungen und werden zum &#8222;Nationalsozialistischen Musterbetrieb&#8220; erkl\u00e4rt. Und was dann zwischen &#8217;38 und &#8217;45 geschah, lest selbst! Das <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/hamburg\/article121631367\/Inklusion-geht-doch-eine-Erlebnis-Ausstellung.html\">Abendblatt schreibt<\/a>, die Geschichte der Alsterdorfer Stiftung, die ja sehr viele Besucher interessiert, h\u00e4tte ausf\u00fchrlicher dargestellt werden k\u00f6nnen. Ich kann dazu nicht wirklich was sagen, da wir mit den beiden Kindern die Ausstellung besuchten und ich mich mit ihnen ohnehin nicht zu lange bei diesem Ausstellungsteil aufhalten wollte.<\/p>\n<p>Man verl\u00e4sst dann die dunklen R\u00e4ume und kommt in eine helle bunte Welt. Cool. Die W\u00e4nde voll mit pinken, t\u00fcrkisen, knallbunten Bildern. Viele Videoinstallationen, H\u00f6rbeitr\u00e4ge, alles ist zum Anfassen, Mitmachen, Ausprobieren. Unsere Ausstellungsf\u00fchrerin sagt, dass &#8222;dies den Austritt aus der grauen Welt in die bunte Welt symbolisiert&#8220;, um nochmal zu betonen, was mehr als eindeutig ist.<\/p>\n<p>Es wurde interaktiv. Wir durften auch gleich Klebepunkte kleben. Wie gro\u00df bist du? Liegst du damit im Durchschnitt? (Erkenntnisgewinn: es gibt auch viele Menschen, die viel gr\u00f6\u00dfer oder viel kleiner sind.) N\u00e4chste Klebetafel: Wann brauchtest du mal Hilfe in deinem Leben? Als Baby, als Kranker, wenn das Internet nicht funktioniert,&#8230;usw.? (Erkenntnisgewinn: jeder Mensch ist irgendwann in seinem Leben hilfebed\u00fcrftig.) Dann kommt eine interessante Installation. Ein Klingelbrett mit ca. 30 Namen. Dr\u00fcckt man eine Klingel, sagt die Person, welche Situationen ihr Schwierigkeiten bereiten. z.B. sagt eine Dame, dass sie Angst vor dem Busfahren hat. Jemand anderes sagt, dass er absolut keinen K\u00e4se essen kann. (Erkenntnisgewinn: nicht die offensichtliche Behinderung macht einem Schwierigkeiten, sondern allt\u00e4gliche Dinge, die auch vielen anderen Menschen Schwierigkeiten bereiten.) Es folgen eine Schaukel (hier freute sich Lili enorm!), auf der man ein Lied h\u00f6ren kann. Dann ein Sandkasten, wo zwei M\u00fctter (eine Mutter eines hochbegabten und eine Mutter eines weniger begabten Kindes) miteinander reden. Dann kommt ein Tischfu\u00dfball mit Fu\u00dfballern mit verschiedenen Behinderungen. An der Wand h\u00e4ngt ein Telefon, durch das man verschiedene Anrufer h\u00f6rt, die sich beschweren. z.B. beschwert sich eine Rentnerin, die unter einer WG von Menschen mit Behinderungen wohnt, bei deren Betreuern, dass sie immer nachts zu laut Musik h\u00f6ren und sie nicht schlafen k\u00f6nne. Als die Betreuer sie auffordern, es doch den Leuten einfach selbst zu sagen, antwortet sie: &#8222;Die verstehen mich doch gar nicht.&#8220; (Erkenntnisgewinn: Ich muss mit den Leuten selbst sprechen und nicht mit ihren Angeh\u00f6rigen oder Betreuern.) Dann kann man noch erfahren, welche Schwierigkeiten Menschen mit handicaps im \u00f6ffentlichen Verkehr haben. z.B. gibt es nicht an allen U- oder S-Bahnh\u00f6fen Fahrst\u00fchle. Viele Rollstuhlfahrer brauchen mindestens 30 min. l\u00e4nger f\u00fcr eine Fahrt als ihre gehenden Mitmenschen. Man kann die coolen Videos von Station 17 sehen. Auch gibt es eine richtig gute Installation mit dem Lied &#8222;Unter der K\u00e4seglocke&#8220;, in dem es um einen v\u00f6llig isolierten Menschen geht, die laut unserer Ausstellungsf\u00fchrerin das Lieblingsst\u00fcck der hier ausstellenden K\u00fcnstler ist und auch mir am besten gefallen hat. Au\u00dferdem gibt es noch viele F\u00fchlbilder, die f\u00fcr unsere Kinder interessant waren. Und Geschwister erz\u00e4hlen \u00fcber ihre Schwestern oder Br\u00fcder mit handicap. Ich will und kann gar nicht alles aufz\u00e4hlen. Alles war bunt und zum Mitmachen. Die Ausstellung ist barrierearm und damit f\u00fcr viele zug\u00e4nglich. Zum Schluss gab es noch Bilderpaare: auf dem einen Bild waren z.B. nur gelbe \u00c4pfel, auf dem daneben verschiedenes buntes Obst. Auf dem n\u00e4chsten Bild waren nur gr\u00fcne B\u00e4ume, auf dem daneben herbstlich bunte B\u00e4ume. Welches Bild uns besser gefallen w\u00fcrde, fragte uns die Ausstellungsf\u00fchrerin? Ich fand sie alle gut. Sie meinte aber, dass die bunten, die eine Vielf\u00e4ltigkeit symbolisieren, doch besser aussehen w\u00fcrden, oder?<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg redeten wir lange \u00fcber die Ausstellung. Es gab nicht wirklich was Neues f\u00fcr uns. Irgendwie erinnerte sie mich an meine Conny-Wenk-Ausstellung in Irkutsk, bei der sich 12 Irkutsker Vereine von Menschen mit Behinderung vorstellten. Sie schleppten dann alle irgendwelche Dinge an wie Topflappen, bemalte Eier, Holzspielzeug oder Bilder, die Menschen mit Behinderungen im Rahmen ihrer Vereinsaktivit\u00e4ten hergestellt hatten und, die wir in Vitrinen ausstellen sollten. Hinzu kamen Fotos von Angeh\u00f6rigen oder Betreuern, die etwas Nettes mit dem behinderten Kind machten und es zum Lachen brachten. Hmm. Schon damals war mir das irgendwie peinlich, die Menschen so auszustellen. Nat\u00fcrlich ist diese Ausstellung bei weitem besser, da sie die Menschen zum Teil selbst zu Wort kommen l\u00e4sst und sie zum Teil in die Ausstellungsgestaltung mit einbezogen hat. Trotzdem bleibt es eine Ausstellung, in der man Kunst von (fast) ausschlie\u00dflich Menschen mit Behinderungen wahrnehmen kann und in der \u00fcber Menschen mit Behinderung gesprochen wird. Vielleicht sind sie zum Teil in gemeinsamer Arbeit entstanden, aber dann ist das Interessante doch eigentlich der Prozess, wie gemeinsam Kunst entsteht, wie man sich gegenseitig wirklich inspiriert oder st\u00f6rt. Ist die Welt von Menschen mit Behinderungen denn wirklich immer so bunt? Sascha brachte es auf den Punkt, indem er sagte, ihm sei die Ausstellung zu friedlich und sch\u00f6n. Er w\u00fcrde gerne etwas Provokantes, etwas Schockierendes, etwas Irritierendes sehen. &#8222;Ich setze mir eine Augenbinde auf und probiere mal, wie sich ein Blinder f\u00fchlt&#8220;, will die Ausstellung und macht damit alles andere als Inklusion erfahrbar. Im Gegenteil, sie grenzt damit Nicht-Blinde von Blinden ab. Fragen wie &#8222;Wo beginnt eigentlich Behinderung?&#8220; &#8222;Wer oder was und vor allem wie und wo wird man behindert?&#8220; werden nicht tiefgr\u00fcndiger bearbeitet. Der Titel der Ausstellung lautet &#8222;Geht doch! Inklusion erfahren.&#8220;. Wie dieser Titel entstanden ist, wei\u00df ich nicht. Auf jeden Fall kann ich mir nicht genau erkl\u00e4ren, was damit gemeint ist. Bei den Worten &#8222;Geht doch!&#8220; habe ich erwartet, dass Erfahrungen und Schwierigkeiten bei gemeinsamen Projekten auftauchen bzw., dass gezeigt wird, wie oder wo ES (;-) geht. Wie bei vielen Ausstellungen, werden leider auch hier Behinderte von Nicht-Behinderten abgegrenzt, als ob diese Gruppen irgendeine Homogenit\u00e4t bes\u00e4\u00dfen.<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss gab es noch die M\u00f6glichkeit, eine Papierfigur (z.B. Figuren im Rollstuhl) auszuw\u00e4hlen und drauf zu schreiben, was man den Menschen w\u00fcnscht, die ein handicap haben. Lili meinte ganz spontan &#8222;Geld&#8220;. Und irgendwie hat diese Vierj\u00e4hrige auch sowas von recht. Wenn\u00a0 Menschen mit Behinderung, die z.B. auf Assistenz angewiesen sind, endlich nicht mehr in Armut gezwungen werden w\u00fcrden, dann w\u00e4re ein gro\u00dfer Schritt gegen die allt\u00e4gliche Dem\u00fctigung getan und sie w\u00e4ren bei Ausstellungen nicht mehr nur auf die finanzielle Unterst\u00fctzung von Sponsoren angewiesen, bei der meist ihre Behinderung zur Schau gestellt wird, sondern k\u00f6nnten endlich ihr eigenes Ding machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute haben wir einen Familienausflug in die Ausstellung &#8222;Geht doch! Inklusion erfahren.&#8220; ins Hamburger Museum gemacht, die ich mir schon lange anschauen wollte. Wenn ich das erste Mal in einem Museum bin, mache ich gern eine F\u00fchrung mit. 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